KW 48: Frauenquote für Vorstände kommt, Tag gegen Gewalt an Frauen erinnert an versteckte Probleme, Länder wollen Familienauszeit für Managerinnen

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

die Quote für Frauen in Dax-Vorständen soll kommen. Eine Entscheidung, die dafür sorgen wird, dass Deutschland im internationalen Vergleich beim Anteil von Frauen in Führungspositionen aufholt. Doch ist es mit der Gleichberechtigung nun getan? Mitnichten. Noch immer ist der schwelende Konflikt zwischen der Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht geklärt. Mütter gehen so oft in Teilzeit wie in kaum einem anderen Land in Europa. Man kann sicher damit argumentieren, dass dies oft aus freiem Willen geschieht, weil sich die Prioritäten ändern. Dies mag auch oft genug der Fall sein. Doch dies darf nicht das Ende der Debatte sein. Bei einer Erwerbsbiografie, die mehrere Jahrzehnte andauert, bleibt die Frage bestehen, ob man von Gleichberechtigung sprechen kann, wenn sich nach der Geburt eines Kindes für die meisten Männer beruflich wenig ändert – für Frauen hingegen sehr vieles. Und zwar nicht nur für kurze Zeit, sondern nicht selten bis ins Rentenalter. Insbesondere bei Menschen, die zu den Geringverdienern gehören – und mit einem Niedriglohnsektor von fast einem Viertel sind davon knapp zehn Millionen Menschen in Deutschland betroffen – ist Gleichberechtigung keine Frage von traditionellen oder progressiven Lebensmodellen, sondern eine Frage des wirtschaftlichen Überlebens, der Altersarmut und des sinkenden Lebensstandards. Es ist gut, dass Frauen, die führen wollen, mehr Chancen erhalten. Doch damit sind nicht die Probleme der Gleichstellung gelöst.

Ihre Alice Greschkow

Frauenquote für Vorstände kommt!

Nach zähem Ringen hat die Große Koalition die Frauenquote für Führungspositionen auf den Weg gebracht. Das Führungspositionen-Gesetz sieht vor, dass börsennotierte und paritätisch besetzte Unternehmen mit mehr als drei Vorstandsmitgliedern mindestens eine Frau in das Führungsgremium einbinden. Diese Regelung betrifft 70 Unternehmen, von denen 30 bisher rein männliche Vorstände haben. Die bisherigen Vorstände müssen allerdings nicht sofort ihren Vorstand ändern. Geltende Verträge sind einzuhalten und Positionen erst mit dem Auslaufen von Amtszeiten neu zu besetzen. Union und SPD haben sich zudem auf eine Quote bei Unternehmen mit einer Mehrheitsbeteiligung des Bundes geeinigt: in Aufsichtsräten soll diese 30 Prozent betragen und eine Mindestbeteiligung in Vorständen vorsehen. Auch Körperschaften des öffentlichen Rechts wie Krankenkassen und Renten- und Unfallversicherung wird die Quote gelten. In diesem Sektor arbeiten überproportional viele Frauen, was sich allerdings nicht in den Entscheidungsgremien widerspiegelt: Der Frauenanteil liegt bei nur 14 Prozent.
Die Vorsitzende der Frauen-Union, Annette Widmann-Mauz (CDU), peilt den 6. Januar für die Einführung des Gesetzes an.
dw.com, sueddeutsche.de

Tag gegen Gewalt an Frauen erinnert an versteckte Probleme: Am gestrigen Tag gegen Gewalt an Frauen wurde deutlich, wie tief das Problem der häuslichen Gewalt und der Gefährdung der Sicherheit von Frauen in Deutschland versteckt ist. Laut Statistik wird jeden dritten Tag eine Frau von ihrem Partner getötet. Der Juristinnenbund fordert, dass Richterinnen und Richter besser geschult werden für Taten, die oft platt als „Beziehungsdrama“ beschrieben werden. Häufig hadern Richter damit, eine Tat als Mord zu klassifizieren – es fehle der Beweis an niederen Beweggründen, sodass Täter für Totschlag verurteilt werden und mildere Strafen erhalten. Insbesondere während der Pandemie ist die Zahl der Gewalttaten im privaten Raum gestiegen.
Gewalt gegen Frauen nimmt allerdings nicht nur physische Formen an. „Revenge Porn“ – also die unautorisierte Veröffentlichung von intimen Bildern und Videos -, Mord- und Vergewaltigungsdrohungen sowie Hassrede nehmen zu. Dabei sind Women of Color häufiger betroffen als weiße Frauen. Gegen Politikerinnen wird statistisch alle 30 Sekunden eine Drohung oder Beleidigung in den sozialen Medien verschickt. Betroffene sind damit allerdings oft allein gelassen, da das Rechtssystem digitale Gewalt nicht umfänglich abdeckt.
dw.com, tagesschau.de, berliner-zeitung.de

Länder wollen Familienauszeit für Managerinnen: Nordrhein-Westfalen, Hamburg, Sachsen und dem Saarland möchten Eltern- und Pflegezeit auch für Vorstandsmitglieder von Aktiengesellschaften gesetzlich ermöglichen. Der rechtliche Anspruch für die Fälle von Schwangerschaft oder Krankheit, den Arbeitnehmer genießen, gilt nicht für Vorstandsmitglieder. Sie können zwar beurlaubt werden, müssen jedoch für Entscheidungen und Entwicklungen haften, die auch während ihrer Abstinenz eingeleitet werden. „Das geltende Recht lässt es heute nicht einmal zu, dass Frauen als Vorstand einer Aktiengesellschaft schwanger werden, ohne Haftungsrisiken gegenüber Gläubigern oder Anteilseignern einzugehen“, erklärt NRW-Justizminister Peter Biesenbach. Die Länder wollen diesen Umstand ändern.
handelsblatt.com

Stern feiert Quotenfrauen: Das Magazin Stern hat 40 Frauen aus Wirtschaft, Politik, Kultur, Medien und Wissenschaft versammelt, die sich hinter die Frauenquote für Vorstände starkmachen. „Ich bin eine Quotenfrau“ sagen sie und wollen das Stigma und den negativen Beigeschmack des Wortes beenden. Frauen wie Aufsichtsrätin Simone Menne, EU-Kommissarin Margrethe Vestager oder Moderatorin Caren Miosga teilen Erfahrungen über Sexismus, Widerstände und unfaire Geschäftspraktiken – und weshalb die Quote für sie notwendig gewesen ist.
stern.de

Biden will mehrere Frauen in sein Kabinett aufnehmen: Während der scheidende US-Präsident seine Minister häufig wechselte, blieb ein Faktor konstant: der hohe Männeranteil in seinem Kabinett. Dies soll im Kabinett von Joe Biden anders werden – nicht nur, weil mit Kamala Harris erstmals eine Frau das Amt der Vizepräsidentin bekleiden wird. Es wird berichtet, dass Janet Yellen, die frühere Chefin der US-Zentralbank, Finanzministerin werden soll. Mit Michèle Flournoy soll erstmals eine Frau Verteidigungsministerin werden. Auch die Geheimdienste sollen mit Avril Haines eine Frau als Chefin erhalten. Als UN-Gesandte wird indes die erfahrene Diplomatin Linda Thomas-Greenfield gehandelt.
fortune.com

Die neue Regelung zur Frauenquote ist von den Unternehmen selbst verschuldet handelsblatt.com
Sind bunt gemischte Teams erfolgreicher? faz.net
Frauenkarrieren: Schluss mit der Depression! manager-magazin.de
Women in Tech: „Der IT-Bereich verlangt viel Energie und Willenskraft“ entwickler.de
Sanna Marin: The feminist PM who says trans people have a ‚right to self-identify‘ bbc.com
What The Pandemic Means For Women In Leadership forbes.com
Women In Business: The Battle For Power Vs Influence forbes.com

Cosima Ingenschay ist Bundesgeschäftsführerin der Eisenbahn- & Verkehrsgewerkschaft (EVG). Diese Woche hat sie ihre Sichtweise auf die Frauenquote erklärt:

1. Die Groko beschließt die Quote für Führungspositionen in Unternehmen – welche Veränderungen erwarten Sie für berufstätige Frauen?
Drei wichtige Veränderungen: 1. Die gläserne Decke wird dünner, Frauen werden es ein bisschen leichter haben, gemäß ihrer Kompetenzen bis ganz nach oben zu kommen. 2. Es wird immer normaler werden, dass auch Frauen in Spitzenpositionen sind und sie werden eher dafür gesehen. Die Nachfrage steigt. Wir erleben allerdings auch, dass es eine Frau in einem Vorstand schwer hat, ab einem Drittel läuft es besser. 3. Die Schwierigkeiten des „normalen Lebens“ werden in den Unternehmen eher gesehen, wenn mehr Frauen in Führungspositionen sind.

2. Welchen Effekt wird diese Quote auf Frauen haben, die nicht in den höheren Etagen der großen Unternehmen arbeiten?
Frauen werden besser gefördert werden und mehr Chancen bekommen, wenn mehr Frauen in Führungsverantwortung sind. Auch hier funktioniert das Ähnlichkeitsprinzip. Es wird einen kulturellen Schub geben, dass Teilzeit und Kinder keine Karrierekiller mehr sind. Dass beides nicht heißt, dass die Motivation für den Job fehlt. Hoffentlich wird es weniger Machismus geben in den Unternehmen. Die Quote wird uns als DGB-Gewerkschaften hier unterstützen.

3. Welche Maßnahmen würden Sie im Zuge der Gleichberechtigung einführen, wenn Sie könnten?
Ich würde harte Quoten und eine Vier-Tage-Woche für alle einführen. Außerdem den Betreuungsumfang und die Qualität der Kitas und Schulen verbessern.

4. Welche Hindernisse begegnen Frauen am häufigsten auf dem Weg in die Führungsposten?
Vorgesetzte, die sie nicht im Blick haben und Partner, die ihnen nicht auch mal den Rücken freihalten. Dazu noch fehlendes Selbstvertrauen trotz guter Ausbildung und starken Leistungen.

5. Warum sind Ihrer Auffassung nach Instrumente wie die Quote überhaupt noch nötig?
Wir sehen, dass die mangelnde Diversität in den Führungsetagen in Deutschland strukturell bedingt ist. Es liegt nicht daran, dass es zu wenig gut ausgebildete und motivierte Frauen gibt. Es liegt an der Sichtweise auf Frauen. Es liegt daran, dass vieles in unserer Gesellschaft darauf baut, dass sich „einer“ schon kümmert. Dazu kommt, dass Geld und Macht ja bekanntlich ungern geteilt werden. Da werden die Zirkel gern kleingehalten – sich mit den Frauen die Konkurrenz zu verdoppeln – die inzwischen sogar besser ausgebildet sind – das passiert freiwillig eben nicht.

6. Wie sieht es in der Bahnbranche aus?
In der Bahnbranche gibt es viele Frauen, die mit Leib und Seele Eisenbahnerinnen sind. Die in Schichtarbeit, in technischen Berufen, im nicht immer einfachen Kundenkontakt, in der Verkehrsplanung, in den Werken und im Management viel dazu beitragen, dass das System Schiene funktioniert. Aber es wäre schön, wenn es noch mehr würden. Überall mindestens ein Drittel. Denn auch bei uns gibt es oft ein Klima, dass besser würde, wäre die Männerdominanz nicht so groß.

Foto: Henning Schacht

In Österreich sind bei
14 Prozent

der Paaren mit Kindern unter 15 Jahren beide Elternteile in Vollzeit erwerbstätig.
karriere.at

Was bringt die Frauenquote tatsächlich? Kolumnistin Teresa Bücker glaubt nicht daran, dass eine höhere Anzahl von Frauen in Machtgremien automatisch zu einer Veränderung im Sinne von weiblichen Interessen führt. Sie bringt die Unterscheidung zwischen der „deskriptiven Repräsentation“ und der „substanziellen Repräsentation“ ins Spiel. Die erste Form verleiht Frauen mehr Sichtbarkeit als Akteurinnen, die zweite fokussiert sich auf die Sichtbarkeit, mit der spezifische Interessen vertreten werden. Dass eine Frau in einem Vorstand auch die weiblichen Interessen vertritt, ist nicht gesetzt, so Bücker. Sie kann genau das fortführen, was in den Strukturen, in die sie hineinwächst, gang und gäbe ist. An die Quote ist nämlich kein „Mission-Statement“ geknüpft. Es könnte also sein, dass die Bilanz eines erhöhten Frauenanteil in Führungspositionen für die jeweiligen Unternehmen wirtschaftlich durchaus positiv, aber gesellschaftlich mager bleibt. Eine tatsächliche Veränderung kann laut Bücker erst entstehen, wenn die klassischen Machtpositionen obsolet werden und Macht gerechter verteilt wird, anstatt einfach nur verschoben zu werden.
sz-magazin.sueddeutsche.de

Mythen der Unersetzbarkeit: „Man stelle sich einmal vor, bundesweit kümmerten sich Frauen einen Monat lang nur um eine Sache: ihr berufliches Fortkommen.“ Diesen Satz schreibt Autorin Isabell Prophet über das Missverhältnis von männlicher und weiblicher Unersetzbarkeit im Beruf. Sie stellt fest: Immer mehr Menschen werden von Personalern so eingeplant, dass sie nicht ausfallen können. Ein teures System, das sowohl die Unternehmen, als auch Angestellte trifft, kommt es denn zum unausweichlichen Ausfall. Was sie allerdings beobachtet, ist, dass Männer häufiger unersetzbar sind. Sie entfalten sich beruflich und rechtfertigen die vielen Arbeitsstunden mit der Wichtigkeit ihrer Person. Dies hat in vielen Familien eine negative Konsequenz: Das Weiterkommen von Frauen wird nicht als wichtig angesehen, sobald Kinder da sind. Sie steckt zurück, damit er sich verwirklichen kann. Dies ist ein Symptom für ein Wirtschaftssystem, das knapp kalkuliert und auf wackeligen Beinen steht.
businessinsider.de

Das ist ein großer Erfolg für die Frauen in Deutschland und bietet gleichzeitig eine große Chance sowohl für die Gesellschaft als auch für die Unternehmen selbst.“

Justizministerin Christine Lambrecht zur Frauenquote für Vorstände.
dw.com

Foto: Susie Knoll

Mexikanerinnen fordern politisches Eingreifen zum Schutz von Frauen: Zwischen Januar und September dieses Jahres wurden in Mexiko über 2800 Frauen ermordet. In Mexiko-City haben Angehörige eine Petition gestartet, die mittlerweile 18.000 Unterschriften verbucht. Sie fordern politische Unterstützung von Präsident Andrés Manuel López Obrador bei der Aufklärung der Morde.
deutschlandfunk.de