KW 49: Job-Algorithmen benachteiligen Frauen, Nasdaq möchte diverser werden, Dax-Unternehmen unter Druck wegen Frauenquote

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

wen sehen sie vor Ihrem inneren Auge, wenn Sie sich einen Medizinkongress vorstellen? Oder eine Gruppe von Menschen, die den Physiknobelpreis gewonnen hat? Oder ein Team von Pflegekräften, das alten Menschen dabei hilft sich zu bewegen? Dominiert in einer dieser Situationen ein Geschlecht? Falls ja – Sie sind in guter Gesellschaft. Die meisten Menschen haben Bilder in ihrem Kopf verfestigt, bei denen der OberARZT ein Mann ist und die KrankenSCHWESTER eine Frau. Solche Bilder sind trotz des Bewusstseins um individuelle Fähigkeiten schwer abzuschütteln und sie sorgen für Erwartungshaltungen, die Menschen mit ihren eigenen Stärken und Ambitionen nicht gerecht werden.
Ich bin der Auffassung, dass man sich nicht dafür schämen sollte, wenn man gewisse Stereotype hegt. Aber man sollte offen und ehrlich sein – zumindest zu sich selbst. In Deutschland wird seit Jahren wiederholt, dass Männer und Frauen gleich sind und mittlerweile gleiche Chancen haben. Das ist institutionell richtig. Frauen haben denselben Zugang zu Bildung, Karriere und Selbstverwirklichung. Aber der Zugang allein entscheidet nicht. Vorgesetzte und HR-Fachkräfte entscheiden über Anstellung und Beförderung anderer. Und hier ist der Knackpunkt: Männer wie Frauen bewerten männliche Lebensläufe besser in Männerdomänen und sie sind sich darüber nicht einmal im Klaren, dass sie solche Tendenzen haben.
Dies bremst Karrieren aus und verzerrt das offene Gespräch über Fortschritt und Führung. Wenn man nämlich davon spricht, Gleichbehandlung ernst zu nehmen, aber gegenteilig handelt, dann nähern wir uns nie einer Erkenntnis darüber, warum manche Stereotype überhaupt so festsitzen. Es wäre ein unangenehmes Gespräch, aber möglicherweise ist dies auch nötig, um die Wiederholungsschleife von Empowerment-Initiativen und Ernüchterung zu durchbrechen.

Ihre Alice Greschkow

Job-Algorithmen benachteiligen Frauen

Algorithmen sind mittlerweile ein fester Bestandteil im Personalwesen. Job-Seiten arbeiten mit Algorithmen, die nach Stichworten Lebensläufe scannen. Eine Studie der Universität Melbourne kritisiert allerdings, dass viele Algorithmen Vorurteile, die Menschen haben, einfach weiterspinnen.
Die Entscheidungen von Personalern wurden nämlich untersucht – diese bevorzugen Lebensläufe von männlichen Bewerbern, insbesondere in Berufen, die bereits stark von Männern dominiert werden. Es mache keinen Unterschied, ob Frauen oder Männer die Lebensläufe bewerten würden, da männliche Lebensläufe bei beiden besser ankommen. Darauf angesprochen, waren die Personal-Fachleute überrascht über ihre eigenen Tendenzen. Dabei hielten die männlichen Lebensläufe der Gegenprobe nicht stand – die Männer waren nämlich nicht unbedingt besser qualifiziert. Die Forscherin Leah Ruppanner sieht ein großes Risiko bei dieser Tendenz: Algorithmen werden nämlich auf Grundlage von menschengemachten Daten entwickelt und sie können bestehende Vorurteile verstärken.
Ruppanner erklärt, dass Algorithmen kein abstraktes Gefühl für Berufserfahrung haben, sie bewerten lediglich die Aspekte, für die sie programmiert wurden. Wenn allerdings Lücken für den Mutterschutz stärker ins negative gesichtet werden, fallen weibliche Lebensläufe automatisch durch das Raster und Kandidatinnen werden gar nicht erst genauer in Betracht gezogen.
abc.net.au

Nasdaq möchte diverser werden: Die amerikanische Technologiebörse Nasdaq hat bei der Börsenaufsicht einen Antrag gestellt, eine Börsennotiz auch von der Diversität im Verwaltungsrat eines entsprechenden Unternehmens abhängig zu machen. Geplant sei, künftig nur solche Unternehmen an der Nasdaq zu listen, in deren Verwaltungsräten mindestens eine Frau und mindestens eine nicht-weiße oder der LGBTGI-Community zugehörigen Person einer Minderheit sitzen. Damit soll Frauen und Minderheiten zu mehr Repräsentanz verholfen werden, ein inklusives Wachstum vorangetrieben und damit eine stärkeren Volkswirtschaft geschaffen werden. Eine Ausnahme soll es für ausländische Gesellschaften geben, die eine Börsennotiz an der Nasdaq anstreben: Dies soll möglich sein, sofern mindestens zwei Verwaltungsratsmitglieder weiblich sind.
faz.net

Coronakrise beflügelt traditionelle Rollenbilder: Eine neue Umfrage der Bertelsmann Stiftung zeigt, dass die Pandemie dazu beiträgt, dass längst überholte Rollenbilder wieder Hochkonjunktur haben. Wie die vom Marktforschungsunternehmen Ipsos durchgeführte Befragung im Auftrag der Stiftung ergab, lastet die Haus- und Familienarbeit in der Coronakrise zum überwiegenden Teil auf den Schultern der Frauen. 69 Prozent der Teilnehmerinnen gaben an, die Hausarbeit zu erledigen. Bei den Männern waren es nur elf Prozent. Insbesondere die neuen Herausforderungen, vor die Paare und Familien durch die Pandemie gestellt werden, bleiben an den Frauen hängen: Während mehr als die Hälfte der weiblichen Befragten angaben, Homeschooling und Kinderbetreuung in Corona-Zeiten zu übernehmen, waren es bei den Männern nur 13 bzw. 15 Prozent.
handelsblatt.com

Kein Unterschied: Weibliche Führungskräfte motivieren genauso gut wie männliche: In der Debatte, um den geringen Anteil von weiblichen Führungskräften wird neben traditionellen Rollenverteilungen und geschlechterstereotypsichen Bildungswegen auch hinterfragt, ob Frauen überhaupt „gut führen“ können. Eva Ranehill von der Universität Göteborg hat gemeinsam mit Lea Heursen von der Humboldt-Universität Berlin und Roberto A. Weber von der Universität Zürich untersucht, ob es zumindest beim Aspekt der Überzeugungskraft Geschlechterunterschiede gibt. Dabei wollten sie in einem Experiment testen, wie weibliche und männliche Führungskräfte Teams mitreißen und motivieren. Sie kamen zum Ergebnis, dass es keine Unterschiede bei dieser Eigenschaft gibt – Frauen führen genauso effektiv wie Männer. Ranehill mahnt allerdings, dass dies nur ein Aspekt ist, der bei Führungspositionen reinspielt. Auf der Karriereleiter begegnen Frauen auch andere Herausforderungen.
derstandard.de

Dax-Unternehmen unter Druck wegen Frauenquote: Die geplante Frauenquote für Dax-Vorstände soll im Januar im Kabinett beschlossen werden. Bereits jetzt melden sich betroffene Unternehmen – sie geraten in Bedrängnis. Der Flugzeugbauer MTU sieht einen „erheblichen Eingriff in die Entscheidungsfreiheit von Unternehmen“. MTU hat sich 2017 eine Quote von 25 Prozent bis 2022 gesetzt, bisher wurde jedoch keine Frau in den Vorstand berufen. Der Agrarhandelskonzern Baywa sieht die Quote für unnötig – der gesellschaftliche Druck hätte das Problem in den kommenden Jahren automatisch gelöst. Mehrere Dax-Konzerne haben keine Frau in Führungsgremien. Im Falle einer Quote müssten sie sich zeitig darum kümmern, eine Frau zu rekrutieren, sobald ein Vorstandsposten frei wird. Adidas hat bereits reagiert: Im kommenden Jahr wird Amanda Rajkumar Personalchefin des Sportartikelkonzerns.
Experten befürchten, dass Unternehmen die Quote umgehen könnten, indem sie Vorstandsressorts ausweiten, um die Quote zu erfüllen oder auf Vertragsverlängerungen spekulieren, sodass die Beförderung von Frauen sich verzögert.
businessinsider.de, handelsblatt.com

Koalition verdoppelt Steuerentlastung für Alleinerziehende spiegel.de
Geflüchtete Frauen in Erstaufnahmelagern: Flucht vor Gewalt in Gewalt taz.de
Iranische Menschenrechtlerin Sotudeh muss offenbar ins Gefängnis zurück spiegel.de
Janina Mütze gilt als großes Vorbild für Frauen in der Start-up-Szene berliner-zeitung.de
Die Bahn kommt – und bringt Diversity wuv.de
Frauen im Vorstand: Lässt man sie nicht – oder wollen sie nicht? spiegel.de
„Frauen tragen wegen Homeoffice die Hauptlast“ faz.net

Wie schaffen selbstständige Frauen es ihren Weg zu gehen? In dieser Woche hat mir Digital Coach Kathrin Koehler erklärt, wie sie zur Selbstständigkeit kam – und was sie dabei gelernt hat:

Du bist selbstständig – was hat dich zu diesem Schritt bewogen?

Ich bin Mutter geworden und gleichzeitig an die gläserne Decke gestoßen – da habe ich in der Selbständigkeit mit digitalen Themen deutlich mehr Chancen gesehen, mich auszuleben. Ich hatte Sorge, in einer Teilzeitfalle zu enden. Zudem bin ich geprägt vom Elternhaus– beide Eltern haben als Kleinunternehmer gearbeitet.

Welche Tipps hast du für Frauen, die überlegen selbstständig zu werden?

Am besten bereits ein oder zwei feste Zusagen von Kunden haben, im besten Fall einen Retainer, also regelmäßige Erlöse. Hatte ich alles nicht – und bin rückblickend happy, wie gut es trotzdem gelaufen ist.

Begegnen dir Stereotype als selbstständige Frau? Wenn ja – welche?

Ein einziges Mal hat eine Kundin offen vermutet, dass mein Schritt in die Selbständigkeit wohl nicht selbstbestimmt war, sondern ich aus der Anstellung gekündigt wurde. Ich habe das Mitleid in ihrer Stimme gehört und überhaupt nicht kapiert, wovon sie sprach – und deshalb genau nachgefragt. Aus ihrer Sicht war es undenkbar, eine feste Position und die Sicherheit aus eigenem Willen aufzugeben.

Was ist bisher dein größtes Learning aus der Selbstständigkeit?

Du kannst trotzdem Teamplayer bleiben. Ohne die Inspirationen und den Sparring in meinen Mastermind-Gruppen wäre ich niemals so schnell so weit gekommen.

Du beschäftigst dich mit Networking – was ist dein Tipp für Frauen für erfolgreiches Netzwerken?

Positionier Dich gründlich und immer wieder. Ohne Ziel kein Zug: Mach Dir klar, was Du erreichen willst. Trau Dich. Geh über die Grenze Deiner vermuteten Möglichkeiten. Dahinter liegt viel mehr als Du jetzt für möglich hältst.

Kathrin Koehler ist Digital Coach, Beraterin und Speakerin in den Bereichen Business Netzwerken und Remote Leadership. Souverän netzwerken, vernetzt lernen und führen: Unter dieser Devise stellen Kathrins Digital You-Coachings das themenzentrierte Networking in den Mittelpunkt. Methodisch reichen sie von Selbstlernangeboten für den Aufbau des LinkedIn Profils bis zu mehrwöchigen, kollaborativen Bootcamps auf C-Level. Zu ihren Kunden zählen u.a. LinkedIn, Otto Group, Vattenfall ebenso wie Führungspersönlichkeiten und Künstler.

Foto-Credit: Steffen Jaenicke.

Nur
jede sechste

IT-Fachkraft ist weiblich und nur jede siebte Bewerbung auf einen IT-Job kommt von einer Frau. Nun hat sich die Initiative #SheTransformsIT gegründet, um die Rolle der Frauen in der Digitalisierung zu bestärken. Unterstützt wird sie von einflussreichen Frauen aus Politik und Wirtschaft sowie Organisationen wie beispielsweise dem Digitalverband Bitkom, der Deutschen Bahn oder SAP.
behoerden-spiegel.de

Venture-Capital-Fonds für Start-up-Gründerinnen geplant: Um den Frauenanteil in der immer noch männlich dominierten Start-up-Szene zu erhöhen, plant Diversity-Expertin Tijen Onaran die Gründung eines Risiko-Kapitalfonds für Frauen. Wie der Deutsche Start-up Monitor zeigt, trifft Onaran damit den Nerv der Zeit: 15,9 Prozent der Start-up-Gründungen gingen zuletzt von Frauen aus. Mit ihrem Fonds soll sich das nun ändern. Sie möchte gezielt in von Frauen gegründete Firmen investieren. Darüberhinaus fehle es in der deutschen Start-up-Landschaft aber auch an Netzwerke, in denen sich Frauen mit anderen Gründerinnen und Investorinnen austauschen können. Ein erstes solches Netzwerk leitet Onaran selbst: Die Global Digital Women GmbH berät Firmen in Sachen Diversity. Inzwischen verbindet die Organisation mehr als 30.000 Frauen aus der Digitalbranche.
handelsblatt.com

Gehaltsvergleich: Frauen in der IT: Im IT-Sektor ist der Fachkräftemangel nach wie vor ungebrochen, qualifiziertes Personal wird händeringend gesucht. Der IT-Blog golem.de hat gemeinsam mit dem Onlineportal gehalt.de rund 55.000 Datensätzen von IT-Beschäftigten in Deutschland ausgewertet. Neben einigen erwartbaren Ergebnissen (Absolvent:innen eines Masterstudiengangs steigen später ins Berufsleben als Bachelor-Absolvent:innen oder Fachkräfte mit Berufsausbildung, verdienen dann aber deutlich mehr), zeigte sich auch: Beim Berufseinstieg ist der Gender Pay Gap in der IT vergleichsweise gering. Nur 2.000 Euro liegen zwischen den Einstiegsgehältern von Frauen (38.000 Euro p.a.) und Männern (40.000 Euro p.a.). Doch leider wird dieser Trend nicht beibehalten, vielmehr werden Frauen im Laufe ihrer Karriere gehaltstechnisch von ihren Kollegen abgehängt: Im Renteneintrittsalter verdienen Männer in der IT fast 24.000 Euro mehr im Jahr als ihre Kolleginnen. Verantwortlich hierfür sei unter anderem der geringe Anteil an weiblichen Führungskräften in der IT, so der gehalt.de-Geschäftsführer Philip Bierbach: „Im fortgeschrittenen Alter ist der Faktor Personalverantwortung ausschlaggebend für das weitere Lohnwachstum. Da der Anteil weiblicher Führungskräfte generell sehr gering ist, steigen die Einkommen von Frauen weniger stark als die der Männer.“
Ähnlich sieht es bei Entwickler:innen aus. Wie einer Umfrage zur Entwicklerzufriedenheit der Techplattform Honeypot hervorgeht, liegen in Deutschland die Einstiegsgehälter von Frauen in diesem Bereich rund 14 Prozent über jenen der Männer, doch im Laufe der Karriere dreht sich der Gender Pay Gap um: Nach circa drei bis fünf Jahren verdienen Entwickler durchschnittliche 16 Prozent mehr als Entwicklerinnen. Insgesamt ist die Lohnlücke in diesem Sektor in Deutschland (2,2 Prozent) etwas geringer als im internationalen Vergleich (3,0 Prozent).
golem.de, heise.de

„[…] es reicht nicht, wenn Frauen in den Vorständen Einzelkämpferinnen sind. Die Forschung zeigt, dass es für einen Wandel der Unternehmenskultur etwa ein Drittel Frauen braucht.“

Ulle Schauws, frauen- und queerpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion der Partei Bündnis 90/Die Grünen und stellvertretende Vorsitzende des Ausschusses für Familie, Senioren, Frauen und Jugend in ihrem Gastbeitrag bei Spiegel Online.

Foto: Bündnis 90/Die Grünen Bundestagsfraktioin/Stefan Kaminski

Kampf um Equal Pay im Profifußball geht weiter: Den Spielerinnen der amerikanischen Fußballnationalmannschaft haben einen ersten Etappensieg erzielt. In Kalifornien konnten sie erwirken, dass Trainings- und Reisebedingungen an die des männlichen Nationalteams angepasst werden. Anfang 2019 hatten einige Spielerinnen ihren Verband US Soccer wegen Diskriminierung verklagt. Konkret ging es um Lohnungleichheit und unterschiedliche Trainings- und Reisebedingungen zwischen männlichem und weiblichem Nationalteam. Im Mai wies jedoch ein Bundesgericht in Kalifornien die Klage bezüglich der ungleichen Bezahlung ab. Die Spielerinnen um Megan Rapinoe haben bereits angekündigt, diesbezüglich in Berufung zu gehen.
spiegel.de