KW 09: Brigitte Zypries über Female Leadership, Teleclinic-Gründerin Katharina Jünger, Insa Klasing: Zwei Stunden Führung am Tag sind genug

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

das Hochstapler-Syndrom ist ein fieser Gegner, den viele Menschen in sich tragen: sie denken, dass sie nicht gut genug sind, ihren Erfolg nicht verdienen und jeden Augenblick als Scharlatane entlarvt werden könnten, die sich ihren Weg erschlichen haben. Es gibt keine eindeutigen wissenschaftlichen Hinweise, ob es in der Häufigkeit mehr Frauen als Männer betrifft. Der Eindruck könnte allerdings entstehen, dass Frauen häufiger von diesem Gefühl des Betrugs betroffen sind, weil sie sich einer Studie zufolge oft bei Stellen bewerben, die unterhalb ihrer Qualifikation liegen. Männer hingegen sind mutiger und trauen sich eine Position zu, selbst wenn sie nicht alle formalen Anforderungen dafür erfüllen. Frauen artikulieren zudem ihre Unsicherheit offen darüber, ob sie den Erwartungen im Berufsleben gerecht werden.
Ich bin davon überzeugt, dass offener Dialog über das Scheitern, aber auch über Mut dazu beitragen kann, dass mehr Menschen den Schritt wagen, den sie sich vielleicht nicht zugetraut hätten. Die heutige Auswahl an Geschichten möge einen kleinen Beitrag dazu leisten, dass mehr Mut gewagt wird – es gibt nämlich eine Reihe von spannenden Persönlichkeiten, die mit guten Beispiele vorangehen.

Ihre Alice Greschkow

Brigitte Zypries über Female Leadership

Am 25. Februar habe ich zusammen mit Christoph Nitz ein Gespräch mit der ehemaligen Justiz- und Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries beim Format innen/an/sichten moderiert. Zypries engagiert sich für Diversity in Unternehmen. Im Anschluss fanden wir Zeit für ein kurzes Gespräch:

Welche Learnings würden Sie aus Ihrer eigenen Erfahrung Frauen für das Berufsleben geben?

Brigitte Zypries: Ein Learning ist zu springen und zuzusagen, wenn frau ein gutes Angebot bekommt. Mein Motto  ist „Ein Teil seines Talents ist die Courage“ (Berthold Brecht). Das  heißt, zum Talent gehört der Mut, auch mal was zu wagen und sich nicht immer zu fragen, ob man es kann oder die Richtige ist. Wenn man gefragt wird, heißt es ja, dass die Fragenden der Auffassung sind, dass man die Richtige ist-  da erübrigen sich Selbstzweifel.

Gibt es etwas, von dem Sie abraten?

BZ: Frau sollte sich nicht verstellen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass authentisches Verhalten zufriedener macht und zu mehr Erfolg führt.

Welche ist heutzutage die größte Herausforderung, die für Frauen im Berufsleben besteht?

BZ: Die größte Herausforderung ist nach wie vor die gläserne Decke. Irgendwann kommt sie und dann hat man Schwierigkeiten, durchzustoßen. Dagegen müssen wir arbeiten und es schaffen, dass diese gläserne Decke verschwindet.

Welche Instrumente würden Sie dafür vorschlagen?

BZ: Die Vernetzung von Frauen untereinander ist wichtig. Aber es ist auch wichtig, sich mit Männern zu vernetzen, weil die wichtigen Stellen im Moment noch von Männern besetzt sind und wenn man hochkommen will, braucht man auch Männer als Verbündete. Deswegen ist es auch schön, dass derzeit einige Männer sagen, dass sie Feministen sind und Frauen unterstützen. Davon  müssten wir noch mehr haben. Und wir müssen insgesamt den Gedanken der Diversity stärker vorantreiben, weil er für die gesamte Entwicklung unseres Landes wichtig ist.

Was möchten Sie selbst noch stärker kommunizieren aus Ihrem Engagement für Diversity?

BZ: Es geht immer um das Thema „wie komme ich voran?“ und wie kann ich andere bei ihrem Fortkommen unterstützen. Ich helfe gerne mit meinem Netzwerk anderen Frauen, die erst anfangen und jünger sind als ich und hoffe, dass ihnen das nützt.

Foto: Christian v. Polentz für meko factory

Teleclinic-Gründerin Katharina Jünger nimmt es mit Branchenriesen auf: Telemedizin ist ein Wachstumsmarkt und im Zuge der Digitalisierung der Gesundheitsversorgung eine vielversprechende Branche für Patienten und Nutzer. Katharina Jünger hat das Unternehmen Teleclinic gegründet und ist in Deutschland damit führend – das Startup hat nach eigenen Angaben als erstes digital Rezepte und Krankschreibenden ausgestellt. In puncto Finanzierung ist Teleclinic jedoch klein. Seit der Gründung 2015 hat das Startup neun Millionen an Investitionen eingesammelt – internationale Mitbewerber aus Großbritannien oder den USA liegen hingegen bei einem Investitionsvolumen von einer halben Milliarde. Der Druck auf dem Markt ist groß, doch Jünger hat Kenntnisse und Erfahrung über den deutschen Markt gesammelt, die sie zu ihrem Vorteil nutzen will. Teleclinic bereitet Gerde eine B-Finanzierungsrunde vor.
gruenderszene.de

Tanja Lenke empfiehlt eine eigene Marke aufzubauen: Tanja Lenke ist Gründerin von She Preneur und berät Frauen auf ihrem Weg zur Selbstständigkeit. Die Expertin rät dazu, mit der Zielgruppe zu sprechen, um zu identifizieren wo die Herausforderungen liegen, die man lösen möchte. „Die Community ist Marktforschung zugleich“, sagt die Unternehmerin. Wesentlich für die Selbstständigkeit sei neben dem Aufbau einer unterstützenden Community auch die Entwicklung einer starken Personenmarke. Angehende Unternehmerinnen sollen die Relevanz ihrer Außenwirkung nicht unterschätzen.
wuv.de

Eveline Pupeter stellt Seniorenhandys her – das Corona-Virus könnte ihre Prognose trüben: Die Österreicherin Evelin Pupeter stellt mit ihrem Unternehmen Emporia Handys und Smartphones für die Generation ab 60 Jahren her. Leichtere Bedienung und Handhabung sind dabei besonders entscheidend. Ihr Ziel ist es die digitale Lücke zwischen Jung und Alt zu schließen – in Österreich haben über eine Million Senioren kein Smartphone. Damit verpassen sie Schritt für Schritt den gesellschaftlichen Wandel. 2017 setzt sie 23 Millionen Euro um, 2018 bereits 30 Millionen Euro. Mit ihrem internationalen Team entwickelt sie ihre Produkte. Die Entwickler kommen oft aus dem Balkan. Pupeter sieht die Erklärung dafür, dass österreichische Experten für die großen Bech-Konzerne arbeiten wollen und an kleinen Unternehmen weniger Interesse haben. Hergestellt werden die Emporia-Handys jedoch in China. Das Corona-Virus bedroht nun auch ihr Geschäft durch Produktionsausfälle und Lieferengpässe.
derstandard.at, handelsblatt.com

Elizabeth Holmes in mehreren Anklagepunkten freigesprochen: Im spektakulären Betrugsfall um die Theranos-Gründerin Elizabeth Holmes hat ein Gericht sie und den ehemaligen Unternehmenspräsidenten Ramesh „Sunny“ Balwani in einigen Anklagepunkten freigesprochen. Konkret ging es um den Betrugsvorwurf von Patienten, die Untersuchungen mit den Theranos-Kapseln gemacht haben. Das Gericht urteilte, dass Holmes keine Entschädigung an die Betroffenen zahlen müsse, da ihre Versicherungen jeweils die Kosten übernommen hätten und somit kein direkter finanzieller Nachteil entstanden wäre. Theranos wurde 2003 von Holmes gegründet – es handelte sich um eine Maschine, die in Mikrokapseln mit nur wenigen Tropfen Blut eine Reihe von Tests durchlaufen sollte. Holmes gewann in kurzer Zeit ein breites prominentes Unterstützernetzwerk, u.a. auch den ehemaligen US-Außenminister Henry Kissinger. Allerdings stellte sich heraus, dass die angepriesene Technologie nie funktionierte.
businessinsider.de

Barbara Hans wird Chief Operating Officer Asia bei Serviceplan: Die Agenturgruppe Serviceplan besetzt die neugeschaffene Position Chief Operating Officer Asia mit der erfahrenen Managerin Barbara Hans. Sie wird die Dependancen in China, Malaysia, Indien und Südkorea verantworten. Zuvor war sie bei der Agentur Spark44, für die sie die Repräsentanz in Shanghai aufbaute und als Head of Transformation tätig war.
horizont.net

Frauen holen auf – verdienen aber immer noch viel weniger spiegel.de
Frauenquote für Vorstände: Gefährliches Glatteis oder überfällige Maßnahme? handelsblatt.com
Warum so viele Frauen nicht Karriere machen wollen faz.net
Interim-Manager: Setzen Sie auf Frauen! computerwoche.de
Kandidaten für CDU-Vorsitz: Wo sind die Frauen? tagesschau.de
Frauenquote oder: Die Angst der Männer vor der Vielfalt causa.tagesspiegel.de
Gute Ideen für mehr Frauen in Führungspositionen deutschlandfunk.de
7 Women Leaders Who Were Elected to Highest Office history.com

Regina Welsch leitet Public Affairs beim IT- und Beratungsunternehmen msg und arbeitet an der Schnittstelle zwischen wirtschaftlichen Fragestellungen der Digitalisierung, Bundesministerien und politischen Entscheidern. Zuvor war sie als Beraterin Federal Government beim Digital-Dienstleister ]init[ tätig. Sie engagiert sich ferner im Bereich internationale Entwicklungszusammenarbeit und sammelte Erfahrung im Bereich Justizreform in Kasachstan, Kirgistan und der Ukraine. Als Vorstandsvorsitzende von Discussing World Politics organisiert sie Diskussionsrunden zu Themen in Berlin rund um Kontroversen der internationalen Politik und bindet dabei Gesellschaft, Politik, Verwaltung und Wirtschaft in den Diskurs ein.

Foto: privat

Weltweit gibt es rund
100 Partien in 60 Ländern,

die als Frauenparteien kategorisiert werden.
foreignaffairs.com

Gleichstellung beginnt nicht bei der Quote, sondern bei partnerschaftlichen Arbeitsmodellen: Die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung hat untersucht, weshalb Fortschritte in puncto Gleichberechtigung langsam vonstatten gehen. Studienautorin Yvonne Lott erklärt im Interview, dass zum einen die Berufswahl eine Rolle spielt und Frauen in sozialen, schlechter bezahlten Berufen dominieren, jedoch setzt der Bruch in der Erwerbsbiografie mit der Familienplanung ein. Frauen scheiden häufiger aus dem Berufsleben aus oder arbeiten in Teilzeit, um sich um die Kindererziehung zu kümmern. Teilzeit bedeute oft einen nachhaltigen Karriereknick. Lott erklärt, dass die Arbeitskultur und -organisation dazu führen, dass Familiengründung sich langfristig negativ auf das Erwerbsleben auswirkt. Dabei sei es nicht nur wichtig, familienfreundliche Arbeitsmodelle zu finden, sondern dass die Führungskräfte die Akzeptanz dafür schaffen. Eine Quote könne dazu beitragen, dass durch mehr Frauen auf Entscheiderebene die Arbeitskultur sich in diese Richtung entwickle. Zwar gäbe es Fortschritte bei der gleichberechtigten Kindererziehung, sodass Väter sich zunehmend in die Kindererziehung einbringen, doch die beruflichen Einschnitte nehmen Frauen primär in Kauf. Die Frage nach der Freiwilligkeit bei dieser Entscheidung sei dabei nicht leicht zu klären.
deutschlandfunk.de

Insa Klasing: Zwei Stunden Führung am Tag sind genug: Insa Klasing brach sich bei einem Reitunfall 2016 beide Arme – damals war sie Managerin bei Kentucky Fried Chicken. In dieser unglücklichen Situation lernte sie, wie Führung auch reduziert funktionieren kann und plädiert für ein neues Konzept in ihrem Buch „Der Zwei-Stunden-Chef“. Zu viel Einmischung ins Tagesgeschäft seitens der Führung würde Abläufe behindern und Kreativität sowie Motivation schwächen. Aus ihrer eigenen Erfahrung hat sie gelernt, dass viele Abläufe auch ohne das Zutun von Chefs weiterlaufen. Es gehe ihr dabei nicht darum, nach zwei Stunden die Arbeit an den Nagel zu hängen, sondern unterschiedliche Rollen als Führungskraft einzunehmen. Davon ist direkte Führung eine und diese sollte nicht den ganzen Tag ausfüllen. Führungskräfte sollen auch Visionäre, Coaches, Ermutigen und Konfliktlöser sein.
gruenderszene.de

Patricia Cammarata über Mental Load und Vereinbarkeit von Familie und Beruf: Die Autorin, Bloggerin und Podcasterin Patricia Cammarata erklärt welche Zusatzbelastung für Frauen oft entsteht: sie sind Verantwortlich dafür, dass Organisation, Entscheidung und Abläufe im Privatleben funktionieren – das ständige Mitdenken neben den aktiven Tätigkeiten der Kinderbetreuung wird zur Belastung. Dieses Muster hat Auswirkungen auf das Privat- und Berufsleben. Cammarata sieht jedoch, dass es immer mehr Ansätze in der Öffentlichkeit und Unternehmen gibt, um Arbeitsbedingungen für Frauen attraktiver zu schaffen – vor allem mit Hinblick auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Die Digitalexpertin hebt hervor, dass es in der IT-Branche eine Reihe von Maßnahmen gibt, die auf Frauen abzielen – allein schon vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels müssen sich Unternehmen darauf einstellen. Politisch sieht sie jedoch Handlungsbedarf und bringt als Beispiel die Idee des Vaterschutzes als Pendant zum Mutterschutz ins Spiel. Wenn Männer mehr Freiheiten von Unternehmen und Gesellschaft für ihre familiären Verpflichtungen bekämen, wäre dies ein Hebel für mehr Gleichberechtigung.
fr.de

„Es darf uns nicht darüber hinwegtäuschen, dass Frauen in Spitzenpositionen – auch im mittleren Management – in weiten Teiles des gesellschaftlichen Lebens in Deutschland unterrepräsentiert sind.“

Familienministerin Franziska Giffey sieht Fortschritte in Führungsebenen bezüglich des Frauenanteils, doch gleichzeitig auch Handlungsbedarf.
handelsblatt.com

Foto: Bundesregierung/Jesco Denzel

 

Lebenserwartung sinkt in Großbritannien zum ersten Mal seit 100 Jahren: Einer Untersuchung zufolge ist in der jüngeren Vergangenheit die Lebenserwartung von Menschen in den ärmsten Regionen Englands um nahezu ein Jahr gesunken. Die finanzielle Lage ist wesentlich: in London ist die Lebenserwartung weiterhin gestiegen. Besonders für die ärmsten zehn Prozent unter den Frauen ist jedoch der Einschnitt in der Lebensdauer klar dokumentiert.
bbc.com