KW 10: Internationaler Frauentag, Ungleichheiten in NGOs, Quote für Bundesfirmen, Rückkehr der traditionellen Rollen

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

am 8. März ist Internationaler Frauentag – mittlerweile ein offizieller Feiertag in Berlin. An diesem Tag lohnt es sich zu reflektieren, welche Errungenschaften innerhalb der vergangenen 100 Jahre für Frauen erkämpft wurden – vom Wahlrecht bis zur wirtschaftlichen Emanzipation. Dass Frauen in der Nachkriegszeit kein eigenes Konto führen durften oder ihre Ehemänner um Arbeitserlaubnis fragen musste, wirkt heutzutage glücklicherweise fremd und rückschrittlich für die meisten Menschen. Es hat sich viel getan, doch nicht alles lief glatt: anstatt, dass die Arbeitswelt familienfreundlicher geworden ist, greifen informelle Sanktionsmechanismen, denn es scheint als würde Karriere ausschließlich mit Überstunden und der Priorisierung der Arbeit möglich sein. Wer aus privaten Gründen die extra Überstunden nicht leistet, kommt eben nicht nach oben. Den Einfluss den Frauen in den vergangenen Jahrzehnten gewonnen haben, könnten sie für die Schaffung eines besseren Systems nutzen, in dem die Arbeit dem Menschen dient. Burnout, mentale Belastung und die Unvereinbarkeit von Familie und Beruf werden zu massiven Herausforderungen – Männer sind davon nicht weniger betroffen. Die Tatsache, dass insbesondere in IT-Berufen Frauen schwächer vertreten sind, wird zu einem Problem, da in den hoch bezahlten und erfolgreichen Branchen der Takt der Arbeitskultur vorgegeben wird. Man muss sich zudem fragen, ob das System so positiv ist, wenn Frauen freiwillig wählen „Sugar Babies“ zu sein oder die Hausfrauenrolle doch wieder attraktiver wird. Wenn die Frauenbewegung auf irgendeine moderne Weise weitergehen soll, so habe ich eine bescheidene Bitte: Gestalten wir die Arbeitswelt human! Davon würden nicht nur die Karrierefrauen und -männer profitieren.

Ihre Alice Greschkow

Der Internationale Frauentag bleibt kontrovers:

Der Internationale Frauentag am 8. März ist in Berlin ein offizieller Feiertag – bei sind die Geschichte und Bedeutung des Datums bis heute umstritten. Der Weltfrauentag fand seine Inspiration in den USA als Fabrikarbeiterinnen 1907 für bessere Löhne demonstrierten. Die Sozialistin Clara Zetkin nahm die Suffragetten- und Arbeiterinnenbewegung der Zeit zum Anlass um bei einer Sozialistenkonferenz in Kopenhagen 1910 gegen den Willen der männlichen Delegierten den Weltfrauentag einzuführen, der seit 1911 gefeiert wird und das Ziel hatte das weltweite Frauenwahlrecht durchzusetzen. Allerdings sind Zetkin sowie der Feiertag an als solcher aus heutiger Perspektive problematisch für einige Kritiker. Zetkin und ihre Weggefährtin Rosa Luxemburg spalteten den linksrevolutionären Flügel der SPD ab und lehnte als Mitglied der KPD die Anfänge der Demokratie der Weimarer Republik ab – Deutschland sollte sowjetisch sein.
Im geschichtlichen Kontext war diese Haltung für viele nachvollziehbar – uns insbesondere für Frauen spielte die Errungenschaft des Wahlrechts eine übergeordnete Rolle. Während der Nachkriegszeit wurde der Weltfrauentag in den sozialistischen Sowjetrepubliken, den afrikanischen und südamerikanischen „Bruderstaaten“ sowie den osteuropäischen Mitgliedern des Warschauer Pakts gefeiert. Kritikerinnen, die diese Zeit erlebten, sehen im 8. März oft eine Farce – offiziell wurde nämlich die Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern postuliert, über familiäre Rollenverteilung oder Führungsverantwortung wurde jenseits der traditionellen Bilder nicht gesprochen. Dass gerade dieser Tag gewählt wurde, um die vielen Gewinne für die gesetzliche, politische, wirtschaftliche und soziale Gleichberechtigung der Frauen zu zelebrieren, bleibt weiterhin kontrovers.
tagesspiegel.de

Foto: Clara Zetkin (links) und Rosa Luxemburg 1910 in Magdeburg (gemeinfrei)

Fair Share Monitor deckt Ungleichgewicht in der Führungsebene von NGOs auf: In Nichtregierungsorganisationen arbeiten zu 70 Prozent Frauen – dennoch liegt der Anteil der weiblichen Führungskräfte bei lediglich 30 Prozent. Die Vorstandsvorsitzende des Vereins Fair Share of Female Leaders e.V., Helene Wolf, zieht eine bedenkliche Bilanz: obwohl NGOs sich häufig mit menschenrechtsbezogenen Themen und Feldern arbeiten, gibt es ebenso Fälle von Machtmissbrauch und konservativen Karrieren. Sie selbst war jahrelang in mehreren NGOs aktiv und wurde bis in die Führungsebene befördert. Der Verein forderte 83 NGOs in Deutschland auf, sich ein ein Ziel für einen fairen Frauenanteil bis 2030 zu setzen, jedoch seien lediglich sieben diesem Aufruf gefolgt.
zeit.de

Frauen in der Wissenschaft loben ihre Arbeit weniger – und werden deshalb weniger bemerkt: Während männliche Wissenschaftler ihrer Forschungsarbeit in Fachpublikationen gerne als „exzellent“ oder „einmalig“ beschreiben, ist der Anteil der Frauen, die ähnliche Lobeshymnen auf das eigene Ergebnis einstimmt bedeutend niedriger: Das Lob von Frauen über ihrer eigene Arbeit ist 12 Prozent seltener zu finden, in renommieren Fachmagazinen liegt der Unterschied sogar bei 21 Prozent. Zwei Forscherinnen fanden dieses Muster heraus, mahnen jedoch davor, als Gegenstrategie männliches Verhalten zu kopieren. Frauen wird oft vorgelebt, dass Bescheidenheit eine Tugend sei und das Selbstbewusstsein ist weniger stark ausgeprägt.
medical-tribune.de

Bundesfirmnen sollen Führungsebenen paritätisch besetzen: Familienministerin Franziska Giffey und Justizministerin Christine Lambrecht wollen in Unternehmen, die unmittelbar oder mittelbar Bundeseigentum sind, eine Frauenquote wirksam machen. Führungsgremien sollen zur Hälfte aus Frauen bestehen. Vom Gesetz wären 24 Unternehmen wie die Deutsche Bahn, die Bundesdruckerei oder die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit betroffen. Ob die Quote verabschiedet wird, ist ungewiss. Die Union ist dagegen und unterstreicht die unternehmerische Freiheit.
sueddeutsche.de

Rückkehr der Tradwives: Eine wachsende Internetgemeinde sehnt sich nach traditioneller Rollenverteilung – die Antwort erhalten sie von den „Tradwives“ (zusammengesetzt aus dem Englischen: traditional + wife (Ehefrau)), die sich in sozialen Medien inszenieren. Der Haushalt ist oberste Priorität: Kochen, Kinder erziehen, den Mann verwöhnen und Ordnung schaffen sind was diese Frauen in sozialen Medien zeigen. Allerdings betonen sie dabei, dass sie im Gegensatz zu den Hausfrauen der 50-er und 60-er nicht mangels Alternativen, sondern aus freien Stücken diesen Lebensstil gewählt hat. Ideologisch tief konservativ preisen sie das Hausfrauenmodell an und befrieden nostalgische Impulse – früher sei es besser gewesen. Dass Frauen in den 1950-ern rechtlich eben nicht gleichgestellt waren, wird oft vergessen.
zeit.de

#UNHATEWOMEN: Neue Kampagne von Terres de Femmes gestartet: Frauenverachtende Raptexte, aggressive Postings und Kommentare – es gibt viele Stellen, an denen Frauen abwertend und respektlos behandelt werden. Die Organisation Terres de Femmes möchte mit ihrer neuen Kampagne #UNHATEWOMEN darauf aufmerksam machen und fordert konsequente Strafverfolgung auf Hassrede Internet. Menschen, die frauenverachtendes Verhalten bemerken, sind dazu aufgefordert den Kampagnen-Hashtag zu posten und Hassrede nicht umkommentiert stehen zu lassen.
unhate-women.com

Die ignorierten Karrierefrauen welt.de
Das sind die Programmpunkte beim „Frauenmärz“ morgenpost.de
Frauen brauchen keine Quote welt.de
Ladies: You’re Never Going To Achieve Work-Life Balance—It’s All A Sham forbes.com
Fostering women leadership in the power sector esi-africa.com
Nine out of 10 people found to be biased against women theguardian.com
Interview: Rollenbilder in der Arbeitswelt: „Frauen haben höheren Eigenanspruch“ weser-kurier.de

Ursula Burns ist eine US-amerikanische Managerin und die erste afroamerikanische Frau an der Spitze eines Top-100-Unternehmens des Börsenindex S&P. Burns studierte Maschinenbau und absolvierte 1980 als Studentin ein Praktikum beim Druckerunternehmen Xerox und wurde nach ihrem Abschluss übernommen. Sie arbeitete sich im Unternehmen hoch und wurde 2009 CEO, 2010 wurde sie zusätzlich Vorstandsvorsitzende. Diesen Posten bekleidete sie bis 2017. Gegenwärtig ist sie CEO des niederländischen Telekommunikationsanbieters VEON.

Foto: Krista Kennell/Fortune Most Powerful Women Summit, CC BY-ND 2.0

Unter den 79- bis 84-jährigen Frauen haben lediglich
31 Prozent

einen Internetzugang. Unter den Männern in derselben Altersgruppe liegt der Anteil bei 51 Prozent.
heise.de

Sugar Babies: Moderne Prostitution oder selbstbestimmtes Empowerment? Auf Webseiten wie SeekArrangement.com tummeln sich Millionen Menschen, um einen Partner zu finden. Im Fokus steht das Geld. Während andere Dating-Portale versprechen, dass aus einer breiten Masse von Menschen es leichter wird, den oder die Richtige zu finden, verstehen sich bei SeekArrangement.com die Frauen als „Sugar Babies“ und die Männer als „Sugar Daddies“. In der Regel ist er älter und verdient gut. Sie hingegen ist jung und sieht gut aus. Neben der Suche nach einer Verbindung zueinander, geht es hier um das Tauschgeschäft. Sex und Attraktivität gegen Geld. Selbst wenn einige Sugar Babies angeben, keinen Sex mit ihren Partnern zu haben, sei dies oft das Interesse der Männer, die sich als Sugar Daddies anmelden. Dabei kann dieses Verhältnis für die Frauen lukrativ sein – im Schnitt sollen sie knapp 3.000 Dollar von den Männern erhalten. Von den 22 Millionen Mitgliedern auf SeekArrangement sollen 4,5 Millionen Studentinnen sein. Insbesondere in den USA gilt das Leben als Sugar Baby als Alternative zur Verschuldung durch die Hochschulgebühren. Frauen geben an, sie würden die Entscheidung selbst treffen, das Tauschgeschäft einzugehen und es würde ihr Leben vereinfachen. Die Beziehungen bringen leichtes Geld, um seinen Lebensstandard zu erhöhen.
kshb.com

Schluss mit dem Krabbenkorbeffekt! Autorin Nicole Staudinger über destruktive Muster unter Frauen: Die Autorin Nicole Staudinger bringt gerade ihr neues Buch „Männer sind auch nur Menschen“ heraus und beschäftigt sich darin mit Themen der Gleichberechtigung. Im Interview fordert sie, dass Frauen sich im Berufs- und Privatleben mehr unterstützen sollten, anstatt sich wie Krabben in einem Korb zu verhalten – dort braucht es nämlich keinen Deckel, weil die Tiere sich gegenseitig runterziehen, sollte eines versuchen zu entkommen. Sie merkt an, dass sie selbst oft verurteilend reagiert hat und Solidarität unter Frauen stärker gelebt werden müsse. Gleichzeitig ermuntert sie Frauen dazu mit Humor und Schlagfertigkeit zu reagieren, wenn Männer ungefragt ihre Meinung äußern, in einem paternalistischen Ton die Welt erklären oder Selbstverständlichkeiten Lob fordern.
t-online.de

Überstundenkultur hält Frauen im Berufsleben zurück: Die Ökonominnen Robin J. Ely and Irene Padavic untersuchten in über 100 Interviews innerhalb eines Unternehmens, weshalb Frauen sich beruflich weniger weiterentwickeln als Männer. Viele der Mütter hatten selbst Lust daran nach der Geburt ihrer Kinder weiterzuarbeiten und die jeweilige Beratungsgesellschaft, in der sie arbeiteten, bot familienfreundliche Angebote sowie Teilzeit an und öffnete die Unternehmenskultur für Familien. Allerdings scheiterten die Frauen weniger an der Kultur oder ihrer Entscheidung nicht zu arbeiten, sondern am Narrativ, das sich als Gegenpol zu familienfreundlichen Angeboten entwickelt hatte. Überstunden seien notwendig und da Mütter diese nicht wahrnehmen können sei das Ende ihres beruflichen Fortschritts unvermeidbar. Die Glorifizierung der Überstunden hat auch Folgen für die männlichen Angestellten: viele von ihnen gaben an Schuldgefühle zu haben, weil sie so wenig Zeit mit ihrer Familie verbringen, um den Erwartungen des stets verfügbaren Mitarbeiters gerecht zu werden.
hbr.org

Genauso wie Sklaverei und Kolonialismus ein Fleck in den vergangen Jahrhunderten waren, sollte uns die die Ungleichheit der Frauen im 21. Jahrhundert beschämen. Weil sie inakzeptabel ist, sie ist dumm.
António Guterres, Generalsekretär der Vereinten Nationen.

Foto: Dutch Ministry of Foreign Affairs – 130115 UNHCR bij Timmermans 0388; CC BY-SA 2.0

Bergsteigen als Symbol der weiblichen Emanzipation: Frauen wurden historisch vom Bergsteigen ausgeschlossen. Die obligatorischen langen Röcke machten es für sie besonders schwer sich überhaupt an sportlichen Aktivitäten zu beteiligen. Das Bergsteigen wurde zum kleinen Feld der Revolution als im frühen 20. Jahrhundert feministische Bergsteigerinnen die Regeln veränderten. Ähnliche Muster sind heute im Iran zu beobachten: Frauen nutzen das Bergsteigen, um vom repressiven System zu entfliehen, das ihnen strikte Regeln auferlegt.
geo.de