KW 14: Osteuropa hat mehr Frauen in den Naturwissenschaften, Die Frau hinter dem John-Hopkins-Dashboard, Richterinnen werden seltener befördert

Liebe Leserinnen, lieben Leser,

ich hoffe, dass Sie in den gegenwärtigen Krisenzeiten auch ruhige Momente finden, in denen Sie darüber nachdenken, was sein könnte. Oftmals befinden wir uns nämlich in einem Hamsterrad des Alltags wieder, in dem die Norm gesetzt wirkt. Es scheint, als wären Veränderungen unwahrscheinlich und schwer zu erreichen. Gerade erleben wir jedoch, dass Veränderungen sehr plötzlich und tiefgreifend sein können. Die Kunst liegt darin, aus diesen Veränderungen das Beste zu machen.
In dieser Woche habe ich wieder eine Reihe von Geschichten und Fällen gesammelt, die zeigen, wie viel sich für Frauen bisher verändert hat: Während bis 1977 Männer ihren Ehefrauen das Arbeiten verbieten durften, wenn sie dadurch den Haushalt vernachlässigten, ist es zur Selbstverständlichkeit geworden, dass Frauen selbstbestimmt Beruf und Lebensmodell wählen dürfen. Während es in der Geschichte der US-Präsidentschaftswahlen seit 1984 erst zwei Frauen als „Running Mate“ gewählt wurden, gilt es 2020 als sicher, dass Joe Biden eine Frau nominieren wird. Während es noch vor 30 Jahren normal war, dass Frauen mit der Familiengründung aus verantwortungsvollen Positionen im Berufsleben ausscheiden, werden heute neue Lösungen gesucht.
Veränderung geschieht ständig – es gibt keinen Garant, dass sie etwas Gutes hervorbringt oder ausschließlich positiv wirkt. Doch es ist diese Hoffnung, dass es eben besser werden kann, die man nicht vergessen sollte, wenn es sich wieder danach anfühlt, als versinke alles im Chaos und der Unsicherheit.

Ihre Alice Greschkow

Warum Osteuropa viel mehr Frauen in Naturwissenschaften und der Tech-Branche hat:

In Litauen sind es 57 Prozent, in Lettland und Bulgarien 52 Prozent, in Serbien und Polen 49 Prozent – so hoch ist der Anteil der Frauen in naturwissenschaftlichen Studienfächern. Damit sind viele ehemalige sozialistische Länder zumindest in diesem Bereich den westeuropäischen Staaten überlegen. Die Gründe dafür sind vielfältig: als starker Treiber gilt die sozialistische Geschichte, die die Infrastruktur für Kinderbetreuung aufgebaut hat, aber auch in der es normal sein sollte, dass Frauen dieselbe Bildung und den Zugang zum Arbeitsplatz erhalten. Es wurde aktiv darauf hingearbeitet, Stereotype zu überwinden – in Osteuropa schneiden junge Mädchen bereits in den Schulen besser in Mathematik ab als im Westen. Ein wesentlicher Grund soll sein, dass man ihnen nicht erklärt, dass Jungen zwangsläufig besser in Mathe seien. Bereits in den 1960-ern war es Teil der Agenda Frauen in die Naturwissenschaften zu bekommen – in Deutschland hingegen durften Ehemänner ihren Frauen noch bis 1977 das Arbeiten verbieten, wenn sie dadurch ihre Pflichten im Haushalt vernachlässigten.
Natürlich ist auch die osteuropäische Entwicklung nicht ohne Kritik – viele Frauen aus der Zeit merken an, dass von ihnen dennoch erwartet wurde die Kindererziehung den Haushalt zu schmeißen, obwohl sie Vollzeit arbeiteten. Systemkritiker hingegen verweisen darauf, dass durch die Gleichstellung das wissenschaftliche und wirtschaftliche Niveau nie Spitzenleistungen entwickelte, weil der Wettbewerbsgedanke zu schwach gewesen sei.
Was dennoch ein Lehrstück aus dieser Zeit bleibt, ist, wie sich die Leistungen von Frauen in vermeintlichen „Männerdisziplinen“ verbessern und Interesse und Begeisterung für Naturwissenschaften und Technik geweckt werden können
businessinsider.de, economist.com

Lauren Gardner: Die Frau hinter dem John-Hopkins-Dashboard: Die ganze Welt versucht die Folgen des neuartigen Coronavirus auf die Gesundheit der Menschen sowie die Wirtschaft abzufedern. Wesentlich sind dabei Erkenntnisse zu Infektions- und Mortalitätsraten. Als eine der schnellsten und zuverlässigsten Quellen gilt das Corona-Dashboard der John Hopkins Universität im US-amerikanischen Baltimore. Dort werden alle verfügbaren Zahlen aus aller Welt gesammelt und visualisiert. Hinter der Innovation steckt Lauren Gardner, Co-Direktorin des Center for Systems Science and Engineering (CSSE). Sie forscht im Bereich der Verbreitung von Pandemien und hält es für wesentlich, dass die Öffentlichkeit Informationen über die Krankheit erhält, um die Risiken abschätzen zu können. Die Ingenieurin entwickelte dafür ein System, das mithilfe von Künstlicher Intelligenz Änderungen in der Statistik schnell aktualisieren kann.
handelsblatt.com, heise.de

Frauen bilden die Mehrheit der Richterschaft – und werden seltener befördert: Infolge einer kleinen Anfrage der Berliner FDP wurde eine Diskrepanz in der Richterschaft deutlich: obwohl Frauen die Mehrheit mit 65 Prozent bilden, lag die Quote der beförderten Frauen bei 42 Prozent. Lediglich 15 Prozent der Beförderten insgesamt waren in Teilzeit, was Maren Jasper-Winter von der FDP-Fraktion kritisiert. Die Vereinbarkeit von Familie in Beruf sei in dem Berufsstand noch immer schwer zu erreichen. Die Politikerin forderte im Dezember 2019 eine Novelle des Landesgleichstellungsgesetzes. Der Berliner Senat verweist darauf, dass man sich bereits um die Frauenförderung kümmere und die Beförderungsquote zuvor bei 38 Prozent gelegen habe.
tagesspiegel.de

Vorständin und Mutterschutz gehen (noch) nicht zusammen: Delia Lachance, Gründerin des Onlineshops Westwing, tritt als Vorständin ihres Unternehmens zurück. Der Grund: sie geht für ein halbes Jahr in die Babypause. Rechtlich sind Vorständinnen nämlich keine Arbeitnehmerinnen und sind somit von den geltenden Mutterschutzregelungen ausgenommen. Eine längere Abwesenheit vom Vorstandsposten sei insofern problematisch, dass Vorständinnen auch für Beschlüsse haftbar sind, die in ihrer Abwesenheit beschlossen wurden. Lachance kritisierte die gesetzliche Regelung. Lachance zeigte ihren Missmut auf Social Media und bekam viel Zuspruch. Verena Pausder, Aufsichtsrätin der comdirect bank AG, zeigte sich wütend über den Umstand – sie wolle eine Gesetzesänderung erwirken.
businessinsider.de

Joe Biden will Frau als Vizepräsidentin: Der demokratische Politiker Joe Biden hat in den Präsidentschafts-Vorwahlen der Demokraten seinen Vorsprung gegen seinen Konkurrenten Bernie Sanders stark ausgebaut. Er kündigte an, als „Running Mate“ für den Wahlkampf eine Frau auszuwählen. Running Mates werden im Fall einer erfolgreichen Wahl das zweimächtigste Amt der USA übernehmen – die Vizepräsidentschaft. In der bisherigen US-Geschichte wurden lediglich zwei Frauen als Running Mates ausgewählt: Sarah Palin (2008) und Geraldine Ferraro (1984). Beide waren jedoch im Verliererteam, sodass es noch nie eine Frau als Vizepräsidentin in den USA gegeben hat. Biden muss sich nun für eine Wahlkampfpartnerin entscheiden – seine ehemaligen Konkurrentinnen Kamala Harris und Elizabeth Warren sollen zur Liste der wahrscheinlichen Kandidatinnen gehören.
theguardian.com

Caroline Criado-Perez zeigt wie Statistiken Frauen diskriminieren: In ihrem Buch „Unsichtbare Frauen“ beschreibt die Autorin Caroline Criado-Perez weshalb statistische Daten häufig gegen Frauen wirken und dabei auch gesundheitliche Risiken bergen können. Crash-Test-Dummies sind beispielsweise am Gewicht und der Größe von durchschnittlichen Männern angelegt – dementsprechend werden lebensrettende Technologien gestaltet. In der Medizin hingegen basieren viele Studien für Medikamente historisch auf Tests an Männern – dass Frauen einen anderen Hormonhaushalt und Körperbau haben, bleibt dabei außen vor. Eine Reihe von Untersuchungen, die als statistisch valide und wissenschaftlich gelten, haben historisch Frauen außen vorgelassen – schließlich waren diese in der Vergangenheit in vielen Berufen sowie im öffentlichen Leben seltener vertreten. Criado-Perez fasst zusammen, welche Effekte dies auf Forschung und Entwicklung, aber auch auf die Gesellschaft hat.
handelsblatt.com

NTT Austria mit weiblichem Führungsgremium: Das IT- und Technologieunternehmen NTT Austria hat personelle Umstrukturierungen vorgenommen: Nora Lawender wechselt von ihrer Position als CFO zur Geschäftsführerin. Die gesamte Geschäftsführung besteht aus vier Frauen und zwei Männern. Die Bereiche Finanzen, HR & Kommunikation sowie Support Services werden von Nadja Huber, Eva-Maria Huysza und Mirela Linaric übernommen. Roman Oberauer und Dave Anderson übernehmen Technical Services sowie Sales & Marketing.
computerwelt.at

Frauen im Büro faz.net
Gender-Pay-Gap: Ich verdiene mehr! zeit.de
Covid-19 responses: Why feminist leadership matters in a crisis lowyinstitute.org
7 Leadership Lessons Men Can Learn from Women hbr.org
The Voice Of Women Leaders Is Critical Today More Than Ever forbes.com
Why Are Female Leaders Still Subject To Gender Bias? forbes.com

Wangari Maathai war eine kenianische Politikerin, Professorin, Wissenschaftlerin und Aktivistin für den Umweltschutz sowie die Frauenrechte. Mit einem Stipendium konnte sie nach ihrem Schulabschluss in den USA – u.a. an der Universität Pittsburg – und in Deutschland an den Universitäten Gießen und München studieren. Sie war die erste Frau, die einen Doktortitel an der Universität Nairobi erhalten hat. 1977 initiierte sie das Aufforstungsprojekt „Green Belt Movement“, in den 1980-ern wurde sie zu einer der wichtigsten Personen der Frauenbewegung Kenias. 2004 erhielt sie als erste afrikanische Frau den Friedensnobelpreis, das Komitee in Oslo erklärte dazu: „Sie hat einen gesamtheitlichen Zugang zur nachhaltigen Entwicklung gewählt, der Demokratie, Menschenrechte und insbesondere Frauenrechte umfasst.“
Am 1. April wäre Maathai 80 Jahre alt geworden. Sie verstarb 2011 an den Folgen einer Krebserkrankung.

Foto: Laurel Maryland, CC BY-SA 2.0

In der IT-Branche sind lediglich
17 Prozent

Frauen vertreten. Damit ist Deutschland im internationalen Vergleich abgeschlagen.
com-magazin.de

Obwohl mehr Frauen in Führungspositionen sind, dominieren mediale Geschlechterklischees: Eine Frau in Führungsposition – sei es in Politik oder Wirtschaft – ist nie lediglich eine Führungskraft. Ihre Arbeit wird stets in Relation zu weiblichen Attributen und dem Privaten bewertet – die Mutterschaft wird bei weiblichen Führungskräften noch immer medial stark betont, ob Männer hingegen Kinder haben, ist oft unbekannt. Das mütterliche Narrativ ist ein populäres Muster, das auch Politikerinnen zugeschrieben wird – Kanzlerin Angela Merkel wird bis heute noch „Mutti“ genannt. Einige Frauen in Führungspositionen achten bewusst darauf, nicht über das Private oder über bestimmte Themen wie beispielsweise Soft Skills zu reden, um nicht als „weich“ zu gelten und von der Führungskompetenz abzulenken. Dabei erfolgt die mediale Zuschreibung von „weiblichen Attributen“ in der Regel ohne böse Hintergedanken, aber sie führt dennoch Klischees fort.
pressesprecher.com

Projekt in Schleswig-Holstein hilft geflüchteten Frauen zu mehr Selbstständigkeit: Geflüchtete Frauen leben manchmal über Jahre hinweg in Deutschland ohne einen Sprachkurz zu besuchen, denn falls sie Kinder unter drei Jahren haben, sind sie vorerst von den Sprach- und Integrationskursen befreit, um die Betreuung zu übernehmen. Werden mehrere Kinder nacheinander geboren, kann dieser Zeitraum lang werden. Das Projekt „Hayati“ (Deutsch: Mein Leben) in Schleswig-Holstein zielt genau auf diese Zielgruppe ab. Beim Projekt lernen Frauen die Sprache und den Weg in das Berufsleben. Dies können sie nur schaffen, weil Kinderbetreuung angeboten wird, während die Frauen lernen. Die erste Bilanz ist positiv: von 55 Frauen des ersten Durchgangs haben 53 den Kurs abgeschlossen.
ndr.de

Ausländische Pflegerinnen blieben fern – Versorgungslücke droht: In Deutschland zeichnet sich ein merklicher Engpass in der Pflege ab, weil vornehmlich osteuropäische Pflegerinnen nicht mehr über die Grenze kommen können oder sich angesichts der Corona-Pandemie lieber im eigenen Land aufhalten. Manche Stimmen befürchten, in Deutschland drohe nun der Kollaps, weil Familien auf ausländische Kräfte angewiesen seien. Die Feministin Teresa Bücker beschrieb in einem Essay bereits im Januar, wie komplex die Verquickung zwischen der beruflichen Chancen von Frauen in Deutschland mit dem Auslagern der Care-Arbeit an ausländische Kräfte ist. Sie fordert, Arbeit anders zu organisieren, damit diese Abhängigkeit und Hierarchie zwischen Frauen abgebaut wird.
tagesschau.de, sz-magazin.sueddeutsche.de

„Die Fallzahlen häuslicher Gewalt, die sich in aller Regel gegen Frauen und Kinder richtet, werden voraussichtlich zunehmen.“Familienministerin Franziska Giffey befürchtet mehr häusliche Gewalt wegen der Corona-Quarantäne.

spiegel.de

Foto: Bundesregierung/Jesco Denzel

Erstmals zwei Frauen unter den Wirtschaftsweisen: Mit Volkswirtin Monika Schnitzer und der Verhaltensökonomin Veronika Grimm sind erstmals zwei Frauen für den Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung nominiert. Das fünfköpfige Gremium, das oft als „Wirtschaftsweise“ bezeichnet wird, ist wesentlich für die politische Einschätzung der wirtschaftlichen Lage Deutschlands.
faz.net