KW 19: Europäisches Parlament beherbergt Frauen in Not, Ungarns Parlament lehnt Frauenschutzkonvention ab, Russlands schwieriges Verhältnis zu Frauenrechten

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

ich habe eine Corona-Pause für diesen Newsletter gemacht. Es fiel mir schwer über Female Leadership zu schreiben, während sich gleichzeitig in einer Pandemie eine Situation entfaltete, die so viele Menschen hart trifft. Geschichte wird von in der Regel von einem relativ kleinen Personenkreis geschrieben, die über Ressourcen und Fähigkeiten verfügen, um auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen. Ich denke dieser Tage oft an die Menschen, die gegenwärtig keine Stimme haben und die in finanzielle Bedrängnis kommen – und davon gibt es genug. Sei es, weil die Kitas zur Zeit geschlossen sind oder weil Menschen durch Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit einschneidende Einkommenseinbußen erfahren. 22,5 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung befindet sich in Deutschland im Niedriglohnsektor, das sind fast acht Millionen Menschen. Frauen, junge Erwachsene und Ostdeutsche sind davon besonders häufig betroffen. 2016 galt ein Drittel der Alleinerziehenden als Armutsgefährdet – 90 Prozent von ihnen sind Frauen. In Familien sind es zudem die Frauen, die beruflich gerade kürzer treten.

Vor einigen Wochen gab es noch eine muntere Debatte über systemrelevante Berufe und wie viele Frauen eigentlich mehr Wertschätzung – auch monetärer Art! – verdienen. Dieses Thema scheint mir mittlerweile wieder abgefrühstückt zu sein und ich bin mir nicht sicher, wie viel vom Klatschen und den öffentlichen Dankesbekundungen langfristig im kollektiven Gedächtnis bleiben wird.

Die volle Wucht der Rezession hat noch nicht in vollem Ausmaß eingeschlagen und zumindest für einen mittelfristigen Zeitraum wird die wirtschaftliche Lage herausfordernd für alle sein. Wirtschaftliche Notlagen rauben Freiheit und Gestaltungsspielraum und manche werden dies deutlicher spüren als andere. Doch in all diesem Schwermut gibt es auch Licht: Auch weiterhin werden Erfolgsgeschichten geschrieben und die Menschen scheinen aufeinander zu achten. Ich hoffe, dass diese Krise zumindest eines bringt: Verständnis für brüchige Lebensläufe und Rückschritte, die als Kollateralschaden dieser Krise entstehen werden.

Blieben Sie gesund!

Ihre Alice Greschkow

Europäisches Parlament beherbergt Frauen in Not

Das Europäische Parlament hat im Helmut-Kohl-Haus im Zentrum des Brüsseler Europaviertel Büros zu Notunterkünften für Frauen umgebaut. Da sich seit Beginn der Quarantänemaßnahmen die Zahl der obdachlosen Frauen sowie Fälle der häuslichen Gewalt merklich erhöht hätten, wurden Schlafmöglichkeiten für 100 Frauen in den Parlamentsbüros eingerichtet. Dies ist möglich, weil 95 Prozent der Abgeordneten gegenwärtig aus dem Homeoffice arbeiten. Die Initiative wurde von Parlamentspräsident David Sassoli in Kooperation mit lokalen Hilfseinrichtungen ins Leben gerufen. Auch in den Parlamentsgebäuden in Luxemburg und Straßburg soll es Hilfsprojekte geben. Zusätzlich werden täglich 1000 Mahlzeiten für Bedürftige in der Brüsseler Kantine ausgegeben, am französischen Standort sind es 500 Mahlzeiten.
euractiv.de, rnd.de

Foto: Europäisches Parlament/ Eric Vidal

Ungarns Parlament lehnt Frauenschutzkonvention ab: Die Istanbul-Konvention, die 2011 vom Europarat ausgearbeitet wurde und 2014 zur Unterzeichnung der EU-Mitgliedsstaaten vorgelegt wurde, fiel vor dem Parlament Ungarns durch. Zwar hat das Land vor sechs Jahren die Konvention unterzeichnet, allerdings kam es nie zu einer Ratifizierung durch das Parlament. Nun wurde die Istanbul-Konvention wieder behandelt und erneut abgelehnt. Victor Orbáns Fidesz-Partei und der christdemokratische Koalitionspartner verurteilen die Konvention als ideologisch, da sie das Konzept von Gender beinhaltet und zusätzlich fordert, dass Flüchtlinge aufgenommen werden, die aufgrund ihrer sexuellen Identität oder Orientierung ihr Heimatland verlassen haben. Die Konvention zielt darauf ab, Diskriminierung von Frauen zu unterbinden und häusliche Gewalt als Verbrechen zu kategorisieren. Laut der Fidesz-Partei würde man die eigene Kultur durch die Absage vor ideologischen Unterwanderungen schützen wollen, zudem würden die Gesetze des Landes häusliche Gewalt bereits abdecken. Ferner wolle man sich vorbehalten selbst auszuwählen, welche Flüchtlinge aufgenommen werden sollen.
zeit.de, dw.com

Schweizer Kampagne fordert 50 Prozent Frauenanteil in Parlamenten: Die Initiative „Helvetia ruft“ hat es sich zum Ziel gemacht, mehr Frauen in die Parlamente des Landes zu bekommen. Erklärtes Ziel ist, dass 50 Prozent der Sitze von Frauen besetzt sein sollen. Als im vergangenen Jahr die Kampagne vor den Wahlen zum Nationalrat startete, wurden Frauenstreiks organisiert, Frauen wurden ermuntert sich aufstellen zu lassen und für andere Frauen abzustimmen. Das Ergebnis: der Anteil der Frauen im Nationalrat stieg von 32 auf 42 Prozent. Allerdings scheint der Effekt nicht bis in die Kantone durchzudringen. Bei den Wahlen des Schwyzer Kantons im März wurden noch weniger Frauen als zuvor gewählt – lediglich zehn weibliche Abgeordnete sitzen nun im Parlament und 90 Männer. In mehreren ländlichen Kantonen liegt der Frauenanteil um 20 Prozent. Nun wollen die Initiatorinnen von „Helvetia ruft“ ihre Kampagne in die großen Kantone führen, in denen im Oktober gewählt wird – für Basel-Stadt und Aargau rechnen sich die Aktivistinnen gute Chancen aus.
nzz.ch

24 Prozent der Frauen verkürzen Arbeitszeit: Für über 10 Millionen Menschen wurden Anträge für Kurzarbeit eingereicht. Laut einer Untersuchung der Hans-Böckler-Stiftung sind Männer und Frauen gleichermaßen von Kurzarbeit betroffen. Jedoch gibt es Unterschiede in der Arbeitszeitverkürzung jenseits der Kurzarbeit. 24 Prozent der Frauen und 16 Prozent der Männer gaben an, ihre Arbeitszeit verkürzt zu haben. Sie sind häufiger freigestellt oder haben Urlaub genommen. Unter den Paaren, die angaben, dass sie sich vor der Krise die Kindererziehung gleichermaßen aufteilen, sagen nur noch 62 Prozent, dass dies der Fall sei. Eltern mit Kindern unter 14 Jahren empfinden das Arbeiten im Homeoffice zudem als belastender als Kinderlose. 40 Prozent der Eltern spüren eine starke Belastung, während es bei den Kinderlosen lediglich 28 Prozent sind.
boeckler.de

Arbeitspsychologin Simone Kauffeld: „Je mehr Frauen in einem Netzwerk sind, umso schlechter“: Simone Kauffeld ist Professorin für Arbeits-, Organisations- und Sozialpsychologie an der TU Braunschweig und hat den Einfluss von Netzwerken auf die Karriere untersucht. Dabei ist aufgefallen, dass reine Frauennetzwerke oft nichts bringen, da Frauen tendenziell größere Netzwerke zu Frauen auf der gleichen Hierarchiestufe pflegen, während Männer kleinere, aber hierarchisch diverser berufliche Kontakte haben. Wesentlich ist dabei, dass nach wie vor deutlich mehr Männer in Führungspositionen sitzen – reine Frauennetzwerke machen es unmöglich mit diesen Persönlichkeiten in Kontakt zu kommen. Kauffeld betont, dass Frauen strategischer denken müssen, wenn sie einen Mehrwert von einem Netzwerk haben wollen. Nach Beobachtung der Forscherin geht es Frauen zu oft darum, dass sie nett zueinander sind. Daraus ergibt sich jedoch kein Karrieresprung. Netzwerke sind dabei wichtig, denn zwischen 30 und 50 Prozent der Positionswechsel sollen durch persönliche Kontakte entstehen.
zeit.de

Soziales Netzwerk für Frauen erhält 12 Millionen Dollar in Finanzierungsrunde: Trotz der wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise konnte die App „Peanut“ bei einer Finanzierungsrunde 12 Millionen Dollar verbuchen. Das britische Startup begann als eine Art Tinder für Mütter, da Gründerin Michelle Kennedy es selbst herausfordernd fand, Freundschaften nach ihrer Schwangerschaft aufrecht zu halten. Mittlerweile hat sich das soziale Netzwerk weiterentwickelt und fokussiert bietet eine Bandbreite von Themen von Sport bis hin zu Frauengesundheit und Fruchtbarkeit, über die sich Nutzerinnen bei Bedarf austauschen können.
techcrunch.com

  • Corona und Karriere: Die Krise der Frauen? rnd.de
  • „Eine gläserne Decke – wie aus Titan“ welt.de
  • Medizin: Mehr Männer in Weiterbildung, aber Frauen dominieren weiter aerztezeitung.de
  • Google-Managerin Isa Sonnenfeld: „Frauen, die alleinerziehend sind, die Arbeit und Kinderbetreuung unter einen Hut bekommen müssen. Das sind für mich aktuell Vorbilder“ businessinsider.de
  • Frauen in Führungspositionen: „Von einer Parität sind wir noch weit entfernt“ handelsblatt.com
  • Our economic recovery depends on policies that benefit women edition.cnn.com
  • Has it become too dangerous to measure violence against women? devex.com

Sahle-Work Zewde ist seit 2018 die Präsidentin des ostafrikanischen Staats Äthiopien und blickt auf eine jahrzehntelange diplomatische Karriere zurück. Sie wurde in Addis Abeba geboren und studierte Naturwissenschaften im französischen Montpellier. Seit den 1980-ern wurde sie als Botschafterin unter anderem nach Senegal, Djibouti und Frankreich gesandt. Unter UN-Generalsekretär Ban-Ki Moon übernahm sie Positionen bei den Vereinten Nationen und leitete die UN-Repräsentanz im kenianischen Nairobi. Gegenwärtig ist sie das einzige Staatsoberhaupt Afrikas. Im März und April begnadigte sie 5500 Häftlinge, die wegen kleinerer Delikte eine Haftstrafe von maximal drei Jahren zu verbüßen hatten. Damit wollte sie die Ausbreitung des Coronavirus in den Gefängnissen unterbinden.

Foto: CC BY 2.0, J.Marchand

Bei Krediten erhalten Frauen im Schnitt
3.226 Euro weniger

als Männer. Zudem zahlen Männer häufiger weniger Zinsen und werden für Kredite öfter akzeptiert. Grund dafür seien die Gehaltsunterschiede zwischen den Geschlechtern.
finanzen.net

Russlands schwieriges Verhältnis zu Frauenrechten: Russland hat durch die sozialistische Geschichte eine Tradition kultiviert, in der die Ausbildung von Frauen und deren Integration in den Arbeitsmarkt selbstverständlicher sind, als in vielen anderen Ländern. Das US-amerikanische Buchhaltungsunternehmen Grant Thornton hat 2018 eine Studie vorgelegt, nach welcher 47 Prozent der Führungspersönlichkeiten in Unternehmen weiblich sind und über 90 Prozent der Unternehmen haben Frauen in Entscheidungspositionen. Wie komplex das Verhältnis zu Frauenthemen allerdings ist, zeigt sich insbesondere in den vergangenen Wochen. Die russische Sängerin Regina Todorenko forderte Frauen, die Opfer von häuslicher Gewalt sind, zu hinterfragen, ob sie möglicherweise durch Provokationen für gewalttätige Handlungen Verantwortung tragen. Die russisch-orthodoxe Kirche pflichtete bei – Frauen sollten aufhören kritische Bemerkungen zu machen und sich selbst kleine Strafen auferlegen, wie den Verzicht von Schokolade oder Internet für einen Tag.
Todorenko und die Kirche ruderten nach einem Sturm der Entrüstung zurück. Die Entertainerin entschuldigte sich für ihre Äußerung, nachdem die Zeitschrift Glamour ihr den Titel als „Frau des Jahres“ aberkannte. Der Bischof, der die Frauen ermahnte, relativierte seine Worte – es sei auch wesentlich, dass Männer in Beziehungen darauf achten, keine verletzenden Bemerkungen zu machen. Mittlerweile hat die Menschenrechtsbeauftragte gemeldet, dass sich die Anzahl der Notrufe gegen häusliche Gewalt im April auf 13.000 Fälle mehr als verdoppelt hätte. Seit 2017 ist häusliche Gewalt entkriminalisiert – die erste Tat gilt als Ordnungswidrigkeit, erst bei Wiederholungstätern greift das Strafrecht. Gesetzesinitiativen strengere Regeln wiedereinzuführen, scheiterten bisher. Russlands Föderationsratschefin Valentina Matwijenko sah kein erhöhtes Risiko für häusliche Gewalt in der Quarantäne – sie gehe davon aus, dass der Zusammenhalt dadurch sogar enger werden würde.
fbk.ru (Studie), handelsblatt.com, tagesspiegel.de

Aya Jaff will die Finanzwelt näher bringen: Die Unternehmerin, Programmiererin und Autorin Aya Jaff möchte in ihrem neuen Buch „Moneymakers“ Klischees über die Finanzwelt abbauen und gerade jungen Menschen einen Zugang zur Börse erleichtern. Sie hat sich damit auseinandergesetzt woher negative Stereotype über Anleger herrschen und wie das Interesse und das Vertrauen in Anlagestrategien erhöht werden kann. Sie erklärt, dass Grundwissen über die Art wie der Finanzmarkt funktioniert, wesentlich ist, um sich mit seinen Entscheidungen sicher zu fühlen. Auch sieht sie, welche Macht hinter Anlageentscheidungen steckt und dass junge Menschen in Zusammenhang mit Anlagen Themen wie Nachhaltigkeit, Künstliche Intelligenz und Big Data besonders interessieren.
capital.de, t3n.de

Reederei-CEO Mägli ist gegen eine Quote – und stellt trotzdem lieber Frauen ein: Im Interview erklärt der Geschäftsführer der Reederei MSC Basel, René Mägli, weshalb er als Führungskraft Frauen bevorzugt. Dabei analysiert er, dass es Männern eher um Macht gehe: „Frauen dienen der Sache. Männer dagegen kämpfen viel mehr um ihre Position. Dadurch vergeuden sie Kraft.“ Der 70-Jährige ist der Ansicht, dass Frauen bessere Managerinnen sind, weil sie durch die Erziehung zum Multitasking im Haushalt gefärbt seien. Obwohl dies eine streitbare und konservative Sichtweise ist, sieht er in der Qualität der Arbeit von Frauen einen Grund gegen eine gesetzliche Frauenquote. Das Geschlecht sei zunehmend egal, zumal würden Aktionäre immer mehr Diversity einfordern.
wiwo.de

Die Frauen werden eine entsetzliche Retraditionalisierung weiter erfahren. Ich glaube nicht, dass man das so einfach wieder aufholen kann und dass wir von daher bestimmt drei Jahrzehnte verlieren.“

Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung, prognostiziert Rückschritte für Frauen wegen der Corona-Pandemie.

Quelle: welt.de

Foto: WZB/David Ausserhofer

Erfolg im Sudan – Gericht verbietet weibliche Genitalverstümmelung: Neun von zehn Frauen sind im Sudan beschnitten – nun soll dies ein Ende haben. Zwar ist die brutale Praxis bereits in sechs von 18 Bundesstaaten verboten, nun hat allerdings Ministerrat ein Gesetz angenommen, das Genitalverstümmelung von Mädchen im ganzen Land verbieten soll. Lediglich die Ratifizierung durch den Souveränen Rat fehlt – Sudans Frauen feiern jedoch bereits jetzt den Schritt.
taz.de