KW 21: Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, Keine Lust auf Führungsposten, Schlechte Prognosen für Frauen wegen der Coronakrise

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

„typisch weibliche“ Eigenschaften stehen in den vergangenen Jahren hoch im Kurs – Empathie, Kommunikationsfähigkeiten, Diplomatie, Kollaboration statt Wettbewerb. Dabei handelt es sich um Charakteristika, die auf die Kooperation und den konstruktiven Umgang mit anderen abzielen. Nun erleben wir in der Coronakrise, dass Millionen Menschen zu Haus vor dem Homeoffice sitzen, Twitter kündigte sogar die Option auf „Homeoffice für immer“ an – und all diese vermeintlich beliebten Fähigkeiten werden wieder entwertet. Man könnte es auch positiv formulieren: dass am Ende nur das Ergebnis zählt, befreit Arbeitnehmer vom Druck der Präsenzzeiten und Kungelei. In der Praxis sehe ich das Potenzial, dass gerade vor dem Hintergrund der Rezession der Konkurrenzdruck wieder steigen wird – Raum für Empathie bleibt kaum, wenn Arbeitsplätze gekürzt werden. Die Kombination aus Wirtschaftskrise und unpersönlichem Arbeiten über längere Phasen verringert die Möglichkeiten die „typisch weiblichen“ Eigenschaften auszuleben und positiv zu nutzen. Man kann nur auf eine schnelle wirtschaftliche Erholung hoffen.

Ihre Alice Greschkow

Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz geht oft von Kunden/Patienten aus:

In den vergangenen Jahren wurde immer wieder über sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz diskutiert. Dabei sollte mittlerweile der Mehrheit klar geworden sein, dass viele Frauen mit Grenzüberschreitungen vom unangemessenen Kommentar bis hin zum tätlichen Übergriff zu kämpfen haben. Seltener wird dabei über die Opfer-Täter-Struktur gesprochen. Eine Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) aus dem vergangenen Jahr zeigt, dass es nicht Kollegen oder Vorgesetzte sind, die am häufigsten die Grenze überschreiten – es sind zu 53 Prozent Patienten, bzw. Kunden. Diesen Trend bestätigt eine Untersuchung der Fondation Jean Jaurès und der Foundation for European Progressive Studies. Auch im europaweiten Vergleich sind Kunden, bzw. Patienten die häufigsten Täter. Auffällig ist dabei, dass insbesondere Frauen im Sozial- und Gesundheitswesen betroffen sind und sich durch übergriffige Kommentare oder Gesten erniedrigt fühlen. Für Betroffene ist es schwieriger gegen Kunden, bzw. Patienten im Falle von sexueller Belästigung vorzugehen, insbesondere wenn es sich um Schutz- oder Pflegebedürftige handelt, als wenn die Grenzüberschreitungen von Betriebszugehörigen kommen würden.
feps-europe.eu, antidiskriminierungsstelle.de

McKinsey-Studie bestätigt, dass diverse Teams höhere Gewinne verbuchen: Die Beratungsgesellschaft McKinsey hat über 1000 Unternehmen aus 15 Ländern und analysiert und stellte fest, dass mit einem höheren Frauenanteil in der Führungsetage die Wahrscheinlichkeit höhere Gewinne einzufahren, um 25 Prozent stieg. Unterschiedliche Blickwinkel ermöglichen es neue Antworten zu formulieren. Julia Sperling, Partnerin bei McKinsey, erkennt, dass diverse Teams durchaus ihre Vorteile haben, aber sie räumt auch ein, eine gewisse „Diversitäts-Müdigkeit“ bereits zu erkennen. Die Entscheidungsfindung kann tatsächlich anstrengender sein, wenn die Führungsteams aus Personen bestehen, die sich nicht ähneln. Nichtsdestotrotz empfiehlt sie Diversität langfristig zu denken, da die Vorteile überwiegen.
onlinemarketing.de

Keine Lust auf Führungsposten: Eine Untersuchung im Auftrag der Initiative Chefsache zeigt: die Deutschen haben immer weniger Lust Führungspositionen zu besetzen – und Frauen haben merklich weniger Interesse am Erklimmen der Karriereleiter. Während noch 37, bzw. 41 Prozent der Frauen und Männer im Laufe ihres Berufslebens einen Chefposten erreichen wollten, ist der Wert im Februar 2020 auf 30, bzw. 40 Prozent gesunken. Mehr Frauen haben also das Interesse an der Führung verloren. Allerdings hat dies nicht unbedingt etwas mit den Familienverhältnissen zu tun. Menschen mit Kindern sind im Schnitt optimistischer über ihre beruflichen Perspektiven. Allerdings: ab 40 sinkt die Karrierezuversicht.
she-works.de

Mehr Entlassungen, größeres Pay Gap – schlechte Prognosen für Frauen wegen der Coronakrise: In den USA sind mittlerweile 33 Millionen Menschen aufgrund der Coronakrise arbeitslos gemeldet. Frauen sind von Kündigungen stärker betroffen – 15 Prozent der Frauen sind Arbeitslos, zwei Prozent mehr als bei den Männern. Insbesondere women of color sind überproportional häufig arbeitslos. Der australische Arbeitsökonom Conrad Liveris geht davon aus, dass sich das Gender Pay Gap in den kommenden Jahren wieder weiten wird – die Kinderbetreuung gilt für ihn als wesentlichen Treiber für die Ungleichheit.
abc.net.au (USA), abc.net.au

Was Arbeitnehmer an weiblichen Führungspersönlichkeiten schätzen: Einer Studie der Technischen Universität Auckland und der Massey Universität zufolge schätzen Arbeitnehmer Chefinnen als emphatischere und fürsorglicher ein. Sie fühlen sich weniger durch Frauen gestresst, Chefinnen würden sich hingegen stärker darum kümmern, wenn ein Arbeitnehmer frustriert sei. Grundsätzlich schätzen Arbeitnehmer Vorgesetzte, die ein aufrichtiges Interesse an den Arbeitnehmern haben und versuchen Stress und Burnout zu vermeiden.
hcamag.com, voxy.co.nz

Frauen in der Forschung fühlen sich anhand von Äußerlichkeiten bewertet: Die Universität Nottingham und die Monash Universität befragten Frauen aus dem Bereich der universitären Lehre und Forschung zu ihren Führungserfahrungen. Viele Frauen beklagten den Druck gut und gleichermaßen respektabel auszusehen. Sie schätzen, dass sie stärker anhand von Äußerlichkeiten bewertet werden, was für Frustration sorgt. Die Forschenden hinter der Studie bilanzieren, dass Frauen mehr Geld ausgeben müssen, um professionell auszusehen und die Erwartung gut auszusehen viel Energie koste – dies lenke Frauen ab. Gleichzeitig stellen die Forscherinnen keinen direkten Zusammenhang zwischen einer guten Garderobe und Erfolg fest.
womensagenda.com.au

  • Es ist Zeit für den Female Shift im Consulting – Sechs Hebel für mehr Frauen im Cockpit consulting.de
  • Diese Frauen werden als Bidens Vizekandidatinnen gehandelt capital.de
  • „Frauen haben keine Interessensvertretung mehr“: Leidet die Gleichstellung in der Coronakrise? stern.de
  • Feminismus aus Chile: Der Staat, ein Macho fr.de
  • Frauen, seid dankbar zeit.de
  • Gleichberechtigung: „Es gibt keine Männer- und Frauenarbeit“ dw.com
  • Mexiko: Frauen als Zielscheiben spiegel.de
  • Why the Crisis Is Putting Companies at Risk of Losing Female Talent hbr.org

Kristalina Georgieva ist eine bulgarische Ökonomin und gegenwärtige Chefin des Internationalen Währungsfonds. Sie studierte in Yale, Harvard und der London School of Economics. 2010 wurde sie EU-Kommissarin für humanitäre Hilfe, zwischen 2014 und 2016 war sie Vizepräsidentin der EU-Kommission. 2017 wechselte sie als Geschäftsführerin in die Weltbank-Institute IBRD und IDA, wo sie vor allem für die Kreditvergabe an Schwellenländer verantwortlich war. 2019 nominierte sie die Europäische Union zur Nachfolgerin von Christine Lagarde im Internationalen Währungsfonds.

Foto: World Bank Group/ Grant Ellis – worldbank.org, CC BY-SA 4.0

Fachärztinnen verdienen im Schnitt
20.000 Euro weniger

als ihre männlichen Kollegen – eine der größten anteilsmäßigen Lohnlücken.
karriere.de

Ein Erwerbsleben in vier Phasen: Die Autorin Avivah Wittenberg-Cox analysiert weibliche Erwerbsbiografien und teilt die Zeit von den 20-ern bis in die 50-er in vier Phasen ein: die 20-er sind ihrer Auffassung nach eine Zeit der Ambition, des Lernens und der Unabhängigkeit, in der Frauen lernen wie die Arbeitswelt und ihre Regeln funktionieren. Die 30-er sind für Wittenebreg-Cox die Zeit des Kulturschocks – Frauen realisieren, dass berufliche Ambition mit privaten Bedürfnissen nach Familiengründung in vielen Unternehmen nicht vereinbar sind. Dies ist das Jahrzehnt, in dem die Unterschiede zwischen Männern und Frauen verdeutlichen. Während Unternehmen gerade young professionals mit einigen Jahren Arbeitserfahrung in den frühen 30-ern fordern und testen, ist das genau der Zeitpunkt, in dem Frauen sich stabilisieren möchte. Viele ziehen ein Kind vor, weswegen die 40-er als Phase der (erneuten) Beschleunigung gesehen werden – in dieser Zeit haben Frauen mit und ohne Kinder Erfahrung und Fokus, um ihr beruflichen Ambitionen zu verfolgen. Die 50-er können im besten Fall die Zeit der Selbstverwirklichung werden, in denen Frauen – oft unerwartet – ihren beruflichen Höhepunkt erreichen. Fraglich ist, ob und wie Kulturschocks auch auf Männer einwirken.
forbes.com (Teil 1), forbes.com (Teil 2)

Frisches Kapital für The Female Company: Trotz Coronakrise schaffte es das Startup The Female Company frisches Geld zu sicheren. Das Unternehmen bietet Bio-Periodenprodukte an und konnte beobachten, dass neben Toilettenpapier und Desinfektionsmittel auch Tampons gehamstert wurden. Die Nachfrage an den Waren ist unabhängig von der wirtschaftlichen Lage. Gründerin Ann-Sophie Claus erklärt, dass das Startup mit der neuen Finanzierung die Produktpalette erweitern möchte. Auch die Transparenz am Markt soll erhöht werden – Verbraucherinnen sollen über die Inhaltsstoffe und Produktionsprozesse von Hygieneprodukten informiert sein. Claus zeigt sich zufrieden über das Interesse an FemCare und bewertet die Veränderungen der vergangenen zwei Jahre positiv: mehr Investorinnen seien auf dem Parkett als zuvor, außerdem sei die Aufmerksamkeit für das Thema durch die Abschaffung der Tamponsteuer zusätzlich gestiegen.
business-punk.com

Wer fair bezahlt werden will, muss lernen über Geld zu sprechen: Die Finanzexpertin Henrike von Platen empfiehlt Frauen, die befürchten unfair bezahlt zu werden, sich im Gespräch über Geld zu üben. Während es vielerorts noch als verpönt gilt offen über Gehälter zu reden, sind die Gespräche wesentliche Indikatoren für die Gehaltsorientierung. Bereits früh sollten zudem die Regeln geklärt werden, die über Gehalt und Gehaltserhöhung entscheiden – für unterschiedliche Unternehmen spielen unterschiedliche Kriterien wie Betriebszugehörigkeit, Ausbildung oder Berufserfahrung eine Rolle. Außerdem: es kann Arbeitnehmern nicht per Arbeitsvertrag untersagt werden ihr Gehalt offenzulegen. Solche Klausen sind nicht rechtens.
web.de

Wenn eine Frau etwas möchte, dann soll sie es auch sagen. Es gibt immer wieder Situationen, wo Frauen mir sagen: „Ich würde ja gerne, aber mich fragt ja keiner.“ Dann sage ich: Das ist nicht meine Aufgabe. Es ist deine Aufgabe, dir darüber klar zu werden, was du willst, und du musst mir das sagen. Und dann kann ich beurteilen, ob es geht oder ob es nicht geht oder unter welchen Umständen es geht.
Daimler-Managerin Katrin Adt.
ingenieur.de

Foto: Daimler

Frauen gehen besonders stark mit sich selbst ins Gericht: Mentaltrainerin Anke Precht beobachtet, dass Frauen zu sich selbst besonders streng sind – egal ob im Beruf oder im Privaten. Dabei ist diese Strenge nicht förderlich. Precht empfiehlt Energie und Fokus stattdessen auf die eigene emotionale Resilienz zu verwenden, um herausfordernde Situationen leichter zu überstehen.
faz.net