KW 28: CDU-Spitze will Frauenquote, Bundesregierung beschließt Gleichstellungsstrategie, Führungsfrauen treten nach Rassismus-Vorwürfen zurück

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

die CDU möchte ihre Gremien ab der Kreisebene paritätisch besetzen. Überrascht Sie das? Ich erinnere mich noch an scharfe Diskussionen, in denen Unionspolitiker gegen die Quote wetterten, da sie den Wettbewerb verzerren und Frauen bevorzugen würde, die sich nicht verdient gemacht hätten. In einer Leistungsgesellschaft und Meritokratie müsse schließlich die Qualifikation entscheidend sein. Fast forward ins Jahr 2020: die CDU hat begriffen, dass es mit der transparenten Meritokratie in der Praxis nicht klappt. Natürlich – es gibt die Frauen an der Spitze. Kritiker sehen keinen Grund für eine Quote, wenn die Kanzlerin, CDU-Parteichefin und EU-Kommissionspräsidentin aus den Reihen der Union in Top-Positionen gekommen sind. Doch eine kleine Gruppe von Ausnahmefrauen spiegelt nicht das wider, was in einem durchschnittleren Alltag passiert – Frauen kämpfen mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie oder Ehrenamt und steigen wegen der Doppelbelastung oft aus, bevor sie an verantwortungsvolle Posten kommen. Oder sie arbeiten und kämpfen und finden nicht die Achtung, die ihnen zusteht – feminines Verhalten wird in Hierarchien nämlich nicht belohnt. So sehr die CDU familienfreundlich sein will – ihr Bild von relevanten Leistungsträgern war lange familienfeindlich. Daher waren es lange Männer, die Verantwortung übernahmen – während Frauen als „stille Heldinnen“ des Haushalts in politischen Debatten nicht stattfanden. Man kann die CDU nur dazu beglückwünschen, dass sie sich mit den Herausforderungen auseinandersetzt, die Frauen zurückhalten. Man kann Wahlen nämlich nicht ohne Frauen gewinnen.

Ihre Alice Greschkow

CDU-Spitze will Frauenquote:

Die Struktur- und Satzungskommission der CDU hat elf Stunden langen darüber verhandelt, auf welche Weise Frauen in der Partei gefördert werden können. Das Gremium einigte sich auf eine Frauenquote für Vorstandspositionen ab der Kreisebene. Im kommenden Jahr soll diese 30 Prozent betragen, 2023 sollen 40 Prozent erreich werden, ab 2025 wird die Parität angestrebt. Allerdings gibt es auch Ausnahmen: Die Regelung gilt vornehmlich für Gruppenwahlen, z.B. für stellvertretende Vorsitzende und Beisitzer. Wo Vorstände, Mitgliederbeauftragte oder Schatzmeister in einer Einzelwahl auserkoren werden, gilt keine Quote. Außerdem darf von ihr abgewichen werden, wenn es nicht genügend Kandidatinnen gibt, um die Quote zu erreichen. Im Dezember muss der CDU-Parteitag diesem Vorstoß zustimmen, damit er in die Tat umgesetzt werden kann. Kritik an der Frauenquote erfolgte prompt – unter anderem vom CDU-nahen Wirtschaftsrat. Die Präsidentin des Wirtschaftsrats, Astrid Hamker, hält den Vorstoß für eine Frauenquote für „übermotiviert“.
spiegel.de, zeit.de

Bundesregierung beschließt Gleichstellungsstrategie: Familienministerin Franziska Giffey hat eine Gleichstellungsstrategie erarbeitet, die darauf abzielt, dass Frauen und Männer gleiche Chancen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft haben. Die Bundesregierung hat die ressortübergreifende Strategie verabschiedet. Die Frage um die Geschlechtergleichheit soll künftig bei Gesetzen und Förderprogrammen stärker berücksichtigt werden. 67 Maßnahmen sieht die Ministerin vor – von der Förderung der sozialen Berufe bis zur schrittweisen Schließung des Gender-Pay-Gaps sollen eine Reihe von Initiativen mehr Wertschätzung für Frauen bringen.
zeit.de, tagesschau.de

USA erleben „Shecession“: Die Rezession infolge der Corona-Pandemie trifft Frauen in den USA besonders hart. Während bis Februar mehr Frauen als Männer auf dem Arbeitsmarkt tätig waren, sind 55 Prozent der Arbeitslosen in der Krise bisher Frauen gewesen. Die Arbeitslosenquote unter den Frauen erhöhte sich von 3 auf 15,5 Prozent, bei Männern erreichte sie 13 Prozent. Schwarze Frauen und Latinas liegen mit 16, bzw. 20 Prozent über dem Durchschnitt. Die höheren Arbeitslosenzahlen hängen damit zusammen, dass durch Sicherheitsvorkehrungen und Schließungen von Schulen, Kitas, Geschäften und Gastronomie insbesondere Berufe weggefallen sind, in denen Frauen mehrheitlich tätig sind. Erzieherinnen, Verkäuferinnen oder Friseurinnen sind binnen kurzer Zeit arbeitslos geworden. Experten reden in den USA von einer „Shecession“ – einer Wortschöpfung aus „She“ + „Recession“.
sueddeutsche.de

Corona-Arbeitslosigkeit: Frauen sind häufiger entmutigt: Eine australische Studie hat das Verhalten von Männern und Frauen untersucht, die infolge der Corona-Krise ihren Job verloren haben. Dabei ist deutlich geworden, dass Frauen häufiger entmutigt sind vom Arbeitsmarkt – d.h. sie suchen seltener nach einem neuen Job, weil sie glauben, dass sie gegenwärtig keinen guten Job finden würden. Von den Männern, die zwischen Februar und Mai ihre Beschäftigung verloren haben, war ein Drittel arbeitssuchend, bei den Frauen hingegen nur fünf Prozent. Die Mehrheit der arbeitslos gewordenen Frauen in der australischen Studie soll sich hingegen verstärkt auf die Kindererziehung und Heimarbeit fokussiert haben.
theguardian.com

Folgen der Corona-Krise: Frauen wollen eher den Arbeitgeber wechseln: In einer Untersuchung von WerkLabs unter 2000 US-Arbeitnehmern stellte sich heraus, dass Frauen aufgrund ihrer Erfahrungen während der Corona-Krise eher dazu neigen ihren Arbeitsplatz zu verlassen als Männer. Hauptgrund dafür ist die Doppelbelastung der Kindererziehung und der beruflichen Verpflichtungen. Frauen sind häufiger unzufrieden mit der Art wie Unternehmen die Krise gehandelt haben und die Wahrscheinlichkeit, dass Frauen ihren Arbeitgeber wechseln ist doppelt so hoch wie im Falle von männlichen Angestellten. Eine britische Studie unterstützt die Hinweise auf schlechte ökonomische Stimmung bei Frauen: sie gehen zu einem Drittel stärker als Männer davon aus, dass ihre Produktivität in den kommenden fünf Jahren sinken wird.
bizjournals.com

Rita Süssmuth: Reißverschlüsse, die das Land zusammenhalten sueddeutsche.de
Frauen haben es in der Start-up-Welt immer noch schwer handelsblatt.com
Die Macht teilen sueddeutsche.de
Das Rätsel geschlechtsspezifischer Fachinteressen faz.net
Job sharing CEOs mark a huge opportunity for leadership & true part time work womensagenda.com.au
Mental Load – Kein Kopf für die Karriere wiwo.de
Woman Says She Was Fired Because Her Children Disrupted Her Work Calls nytimes.com

Marie-Christine Ostermann ist Unternehmerin und FDP-Politikerin. Nach dem Studium der Betriebswirtschaftslehre in St. Gallen war sie bei Aldi Süd als Bereichsleiterin tätig. Zwischen 2009 und 2012 war sie Vorsitzenden des Verbandes Die Jungen Unternehmer – damit war sie. erst die zweite Frau in diesem Posten. 2013 trat sie der FDP bei und war von 2014 bis 2015 Landesschatzmeisterin des Lanndesverbands in Nordrhein-Westfalen. Mit ihrem Vater leitet sie das Familienunternehmen Rullko Großeinkauf und ist Aufsichtsrätin bei der Optiker-Kette Fielmann.

Von © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons), CC BY-SA 4.0

Laut Studie der TU München und dem RWI-Leibniz Institut für Wirtschaftsforschung wurden
3,6 Prozent der Frauen

während der Corona-Krise vergewaltigt. Die Studie untersucht die steigende Anzahl der häuslichen Gewalt zu Lockdown-Zeiten.
businessinsider.de

Mehrere Führungsfrauen treten nach Rassismus-Vorwürfen zurück: In den USA sind mehrere Chefinnen von jungen Unternehmen wie Refinery29 oder The Wing zurückgetreten, nachdem Vorwürfe erhoben wurden, dass sie gegen schwarze Frauen diskriminierend aufgetreten seien. Sie hätten teilweise geringeres Gehalts als ihre weißen Kolleginnen erhalten. Auch Berichte über die kurzfristige Kündigung von schwangeren Mitarbeiterinnen gelangen an die Presse. Autorin Marie Solis fordert die Sicht auf weibliche Führung heraus, nach welcher Frauen automatisch eine bessere Arbeitskultur schaffen würden. Sie ist der Auffassung, dass Machtdynamik sich unter Frauen ebenso einschleichen kann – insbesondere, wenn Feminismus als ein individualistisches Aushängeschild ohne Bedeutung genutzt wird. Solis sieht den Trend der Karrierefrauen, die für sich selbst Vorteile aus einer bereits elitären Position erkämpfen wollen. Als Beispiel sieht sie Sheryl Sandberg, die mit „Lean In“ weltweit dafür begeistern wollte sich in die Führungsetagen der Unternehmen hochzukämpfen. Die Autorin ist der Auffassung, dass diese Art des Denkens genauso eine aggressive Ellenbogenmentalität hervorruft. Die Machtmuster unterscheiden sich dabei wenig vom Verhalten männlicher CEOs.
edition.cnn.com

Sexismus in der Gaming-Branche: Angebote mit erfolgreichen Gamern zu schlafen, um im Gegenzug mehr Sichtbarkeit zu erhalten oder sexuelle Anzüglichkeiten am Arbeitsplatz – in der Gaming-Welt werden zuletzt immer mehr Fälle von Grenzüberschreitungen, Rassismus, Sexismus und Homophobie bekannt. Streamerinnen auf YouTube und Twitch berichten darüber wie andere populäre Streamer ihnen anzügliche Angebote machen, Entwicklerinnen berichten von Kumpelkultur, nach welcher Männer sich gegenseitig stützen und stärken, sollte es Beschwerden über sexuelle Belästigung geben. Zwar gibt es in einer Vielzahl von Gaming-Unternehmen Richtlinien gegen sexuelle Belästigung, allerdings berichten Frauen, dass diese de facto nicht umgesetzt werden. Auch in puncto Karriere sei die Branche davon dominiert, dass Männer sich gegenseitig fördern. Das Versprechen der Szene, dass die Leidenschaft im Vordergrund stünde, würde nicht erfüllt werden.
spiegel.de

Henrike von Platen sieht flexibles Arbeiten als Chance für Frauen: Henrike von Platen. hat das „Fair Pay Innovation Lab“ gegründet und beschäftigt sich mit den beruflichen Chancen, die Frauen haben – oder nicht haben. Für sie ist flexibles Arbeiten durch digitale Instrumente die „ideale Komplizin“, damit Frauen beruflich vorankommen und gleichzeitig ihre Familie nicht vernachlässigen. Allerdings sieht sie das Problem, dass viele Menschen ein falsches Bild von den Möglichkeiten durch Home Office bekommen, da gleichzeitig die Kinderbetreuung weggebrochen ist und die Schulen schließen mussten. Allerdings beobachtet von Platen, dass nun auch in kleinere Unternehmen erhoben wird, wie die Mitarbeiter künftig arbeiten wollen.
sueddeutsche.de

Wir haben gesehen, dass wenn wir über Corona reden, eigentlich immer nur Männer im Vordergrund standen.“

Die SPD-Bundestagsabgeordnete Josephine Ortleb zum Geschlechterungleichgewicht bei wichtigen Entscheidungen.
tagesschau.de

Foto: Benno Kraehahn

Mina Saidze will Frauen für Daten begeistern: Mina Saidze ist Data Analyst und hat das Berliner Büro der internationalen Organisation „Women in Data“ gegründet. Ihr Ziel: Frauen für die Datenthemen zu begeistern. Sie selbst hat sich vieles autodidaktisch beigebracht – als Gasthörerin in IT-Vorlesungen und mit Online-Kursen. Sie möchte das Digital Gap zwischen den Geschlechtern schließen – in Deutschland sind lediglich 16 Prozent der Datenexperten weiblich.
she-works.de