KW 29: Frauen in der Politik, Rechtsextremismus trifft vor allem Frauen, wenig weibliche Führungskräfte in kommunalen Unternehmen

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Frauen stehen füreinander ein – so auch ich in dieser Woche als Urlaubsvertretung für meine werte Kollegin Alice Greschkow.
Während die Politik in der Bundesrepublik sich um mehr weibliche Beteiligung und die Frauenquote sorgt, kippt man im Thüringischen Verfassungsgericht das Parité-Gesetz einfach gleich wieder. Doch woran könnte es denn nun liegen, dass ein politisches Engagement auf viele Frauen regelrecht unattraktiv wirkt? Etwa an bestehenden Traditionen und Strukturen, die Talente nicht immer im notwendigen Maße fördern? Die Diskussion darüber hält weiterhin an.
Ob in der Politik, in Unternehmen oder auch in Prüfungskommissionen: Bestrebungen, mehr Geschlechtergerechtigkeit zu schaffen, sind da. Es scheint: Sobald eine solche Forderung publik wird, ist auf den Sturm der Entrüstung nicht lange zu warten. Auf beinahe jeden Vorstoß folgt ein Zurückrudern, eine Relativierung. Gleichberechtigung, ja, aber.
Meiner Meinung nach wird es der Gleichberechtigung weltweit guttun, wenn sich alle dafür zuständig fühlen würden. Zu oft heißt es, Frauen müssten aktiver werden, Veränderungen einfordern, sich gegenseitig mehr unterstützen. Ich denke: Da macht es sich jemand schön einfach. Nicht die Frauen, sondern die gesamte Gesellschaft muss aktiver werden, Veränderungen einfordern, sich gegenseitig mehr unterstützen statt sich gegenseitig den schwarzen Peter zuzuschieben. „Ja, aber…?“ – Nein, danke!

Ihre Alexandra Wiedner

Frauen in der Politik:

Immer wieder wird mehr weibliche Beteiligung in der Politik gefordert. So einigte sich die CDU in der vergangenen Woche auf die Einführung eines Quotenmodells, dass ab der Kreisverbandsebene eine 50-Prozent-Quote vorsieht. Das Echo war groß, dennoch: Ob die Quote auf dem nächsten Parteitag tatsächlich beschlossen wird, gilt es abzuwarten.
Währenddessen schaffen es Kläger vor dem Thüringischen Verfassungsgericht, die 2019 beschlossene Wahlrechtsreform wieder zu kippen. Hintergrund: Geplant war, dass alle Parteien bei den Landtagswahlen ihre Wahllisten abwechselnd mit Frauen und Männern besetzten müssen. Ein Paritätsgesetz, dass überholte Traditionen überwinden und dem Landesparlament zu mehr Gleichberechtigung verhelfen sollte. Doch da hatte die Landesregierung die Rechnung ohne die Opposition gemacht. Diese klagte – und gewann. Am Mittwoch kippte der Verfassungsgerichtshof in Weimar das Gesetz wieder. Es wäre auch zu einfach gewesen.
Aber wie kriegt man nun mehr Frauen in den Politikbetrieb? Liegt es an den „schüchternen“ Frauen, wie die bayerische Landtagspräsidentin Ilse Aigner suggeriert, wenn sie „[…] leider auch manchmal“ feststellt, „dass sich manche nicht so trauen“? Oder ist das Problem vielleicht viel tiefer verankert? Säumt man das Pferd nicht von hinten auf, wenn man denkt, Frauen müssen gebeten werden doch „Bitte, bitte“ zu kandidieren?
Tannaz Falaknaz von der europäischen Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft trifft den Nagel auf den Kopf, wenn sie sagt: Es mangelt schon auf kommunaler Ebene an Anreizen, Frauen in die Politik zu holen. Der Politikbetrieb und Parteistrukturen wirken oft abschreckend. Es beginnt mit Hürden bei der Vereinbarkeit von Job, politischem Ehrenamt und Care Arbeit. Parteiarbeit, insbesondere die kommunale, ist fundamental, auch und gerade für die Politik auf Bundesebene und dennoch hat nur jede zehnte Kommune in Deutschland eine Bürgermeisterin. Es liegt an den Parteien, sich zu fragen, was geändert werden muss, um mehr Frauen anzuziehen – und auch zu halten. Wir brauchen keine Diskussionen darüber, wie sich Frauen besser in der Politik engagieren können. Sie sind da. Doch es gilt, sie auch zu fördern. Oder, wie Falaknaz es formuliert: „Der Einstieg ist nicht das Problem, sondern der Aufstieg.“
spiegel.de, fr.de, br.de, ndr.de

Rechtsextremismus trifft vor allem Frauen: Frauen sind häufiger von rechtsextremen Hassbotschaften betroffen als Männer. Die Amadeu-Antonio-Stiftung spricht von einer „neuen Form der digitalen Gewalt gegenüber Frauen und Mädchen“. Es sei Teil der rechtsextremen Weltanschauung, Frauen abzuwerten. Die Drohmails, die im Zusammenhang mit dem Abruf privater Daten von hessischen Polizeicomputern verschickt wurden, gingen bisher einzig an Frauen. Laut Franziska Schindler, Sprecherin der Berliner Amadeu-Antonio-Stiftung, liege das im rechtsextremen Weltbild begründet. „Rechtsextreme gehen von naturgegebenen Unterschieden zwischen den Geschlechtern aus – mit einer klaren Hierarchisierung und Rollenzuschreibung. Da liegt es nahe, die ohnehin schon abgewerteten Frauen priorisiert mit Morddrohungen zu versorgen.“ Selbstverständlich sind nicht alle Hassbotschaften nur an Frauen gerichtet, aber diese sind häufiger von rechtsextremen Bedrohungen betroffen, welche dazu oftmals mit der Androhung sexueller Gewalt oder mit sexualisierten Gewaltfantasien versehen sind.
n-tv.de

Wenig weibliche Führungskräfte in kommunalen Unternehmen: Eine Studie der Zeppelin Universität Friedrichshafen zeigt, dass Frauen in kommunalen Führungspositionen weiter unterrepräsentiert sind. In den Führungsetagen kommen sie aktuell besonders in denjenigen Gebieten voran, die in der Corona-Krise bedeutend sind. In den 69 ausgewerteten Städten liegt der Frauenanteil im Bereich Gesundheit und Soziales bei rund 33 Prozent, in Krankenhäusern bei circa 25 Prozent. Insgesamt stieg der Anteil weiblicher Führungskräfte um 0,4 Prozent auf nun 19,7 Prozent im Durchschnitt. Nur 432 von 2.196 Führungskräften sind weiblich. Auch bei den Neubesetzungen in kommunalen Unternehmen liegt der Frauenanteil nur bei 22 Prozent. Das hessische Offenbach gilt als Vorreiter: rund 56 Prozent der Führungspositionen sind hier in Frauenhand. Schlusslichter sind städtische Unternehmen in Flensburg, Heidelberg, Neunkirchen und Bitterfeld-Wolfen, wo es im Befragungszeitraum März/April 2020 keine einzige weibliche Führungskraft gab. Auch zeigt sich ein deutliches Ost-West-Gefälle, welches sich im Vorjahresvergleich etwas abschwächt: Zehn der 14 Kommunen mit mehr als 30 Prozent weiblich besetzter Spitzenpositionen befinden sich in Ostdeutschland. Insgesamt wurden 1.469 öffentliche Unternehmen in 69 deutschen Städten evaluiert.
spiegel.de, faz.net

Änderung des Aktiengesetzes soll Vorstandsmitgliedern Auszeit ermöglichen: Eine Initiative plant, die bisher in Deutschland geltenden gesetzlichen Rahmenbedingungen für Vorstandsmitglieder zu ändern. Den Stein ins Rollen brachte die ehemalige Westwing-Vorständin Delia Lachance, als sie zum 1. März von ihrem Amt zurücktrat um in Elternzeit zu gehen.
Die bisherigen gesetzlichen Regelungen in Deutschland sehen es vor, dass Vorstandsmitglieder bei jedweder längerfristigen Abwesenheit ihr Amt niederlegen müssen. Bleiben sie im Amt, sind sie auch haftbar. Arbeitsrechtlich sind Vorstandsmitglieder keine Arbeitnehmer und auch nicht weisungsgebunden. Dementsprechend besteht kein Anspruch auf Mutterschutz oder Elternzeit.
Eine von der Comdirect Bank AG-Aufsichträtin Verena Pausder und weiteren (ehemaligen) Vorständinenn und Vorständen gegründete Initiative #stayonboard will das nun ändern. Ihr Ziel: Noch dieses Jahr soll es eine Änderung des Aktienrechts geben, sodass Vorstandsmitglieder ihr Mandat für bis zu sechs Monate unbezahlt ruhen lassen zu können. Denn: „Chefetagen müssen nicht nur diverser, sie müssen auch menschlicher werden,“ meint Pausder. Und ein Teil der Menschheit wird eben manchmal schwanger oder möchte sich in Elternzeit um seinen Nachwuchs kümmern.
spiegel.de

Berlins Justizsenator Behrendt will Frauen fördern und erntet Gegenwind: Die Geschlechterverteilung in einer Prüfungskommission könnte sich auf das jeweilige Prüfungsergebnis auswirken. Das klingt erst einmal logisch. Eine Studie aus NRW legt nahe, dass weibliche Prüflinge bei einer gänzlich männlich besetzten Kommission in den mündlichen Prüfungen zum Jura-Staatsexamen schlechter abschnitten. Dirk Berehndt, Berlins Senator für Justiz und Antidiskriminierung nahm diese Studie zum Anlass, den Frauenanteil in Berliner Prüfungskommissionen zu erhöhen und schrieb gezielt Richterinnen und Staatsanwältinnen als potentielle Prüferinnen an. Dafür hagelt es jetzt Kritik, zum Beispiel vom rechtspolitischen Sprecher der SPD-Fraktion, Sven Kohlmeier, der bei Behrendts Aufruf eine Diskrimierung von Männern vermutet und im Hinblick auf das neue Landesantidiskriminierungsgesetzes (LADG) Bedenken äußert, dass Prüfer künftig beweisen müssten, keine Frauen benachteiligt zu haben. Behrendts Antwort im Tagesspiegel ist das, was Feministinnen und Feministen Kritikern seit jeher befreiter machen möchten: „Wenn wir Nachteile für Frauen abbauen, ist das keine Benachteiligung von Männern.“
tagesspiegel.de

Corona-Arbeitslosigkeit – Österreichs Frauen haben das Nachsehen: Genau wie in Deutschland und den USA ist auch in unserem Nachbarland die Arbeitslosigkeit durch die Pandemie gestiegen. Doch besonders Frauen sind davon betroffen, da sie häufig in Branchen arbeiten, die sehr von der Rezession gebeutelt wurden: Handel, Gastronomie oder Tourismus sowie Erziehung und Unterricht. So waren Ende Februar rund 399.000 Österreicherinnen ohne Arbeit, vier Monate waren es schon rund 463.505. Auf gut 64.000 weibliche „Corona-Arbeitslose“ kommen übrigens 9.444 männliche. Die Rezession trifft also zu 85 Prozent Frauen.
derstandard.at

Frauen in der Start-Up-Welt: Nur 16 Prozent der Start-Ups in Deutschland werden von Frauen gegründet. Das geht aus dem Female Founders Monitor für 2020 hervor. Dadurch wird eine „Konformität“ in der Branche bedingt, die sich langfristig nachteilig auf die komplette Branche auswirken kann. Frauen gründen anders, Frauen führen Unternehmen anders, nähern sich Themen anders.
In ihrer Kolumne plädieren Nico Lumma und Christoph Hüning für ein Ende der „Start-Up-Bro-Culture“. Es müsse mehr weibliche Partner für Venture Capital Firmen, mehr weibliche Business Angels, die Frauen in der Frühphase ihrer Gründung unterstützen. Was in Skandinavien schon längst der Fall sei, könnte auch der deutschen Branche nachhaltig helfen.
wuv.de

Corona macht deutsche Polit-Talkshows noch weniger divers uebermedien.de
Reuters-Studie zu Diversität: Chefetage in Weiß sueddeutsche.de
innovation.network.talk: Awareness für weibliche Führungskräfte schaffen computerwelt.at
Bundesland führt „geschlechtergerechte“ Sprache ein – Experten sind entsetzt focus.de
Nachfolge im Handwerk ist (auch) weiblich handwerksblatt.de
Verhaftungswelle in der Südost-Türkei: „Frauen werden gezielt bedroht“ badische-zeitung.de
Wir brauchen mehr Empathie für politische Gegner deutschlandfunk.de

Helena Dalli ist eine maltesische Politikerin und die erste EU-Kommissarin für Gleichstellung. Sie studierte an der Universität Malta Soziologie und promovierte später an der University of Nottingham in politischer Soziologie. 1996 wurde Helena Dalli das erste Mal ins maltesische Repräsentantenhaus gewählt, war Parlamentarische Staatssekretärin für Frauenrechte und von 2013 und 2017 Ministerin für sozialen Dialog, Verbraucherfragen und bürgerliche Freiheiten. 2017 wurde sie zur Ministerin für Europafragen und Gleichstellung ernannt. Das Amt der Gleichstellungskommissarin trat sie zum 1. Dezember 2019 an.

Von European Parliament from EU, CC BY 2.0, commons.wikimedia.org

Gender Care Gap:
52,4 Prozent

mehr Zeit als Männer bringen Frauen im Durchschnitt täglich für unbezahlte Sorgearbeit auf.
rnd.de

Literaturpreise 2020: Auch im Literaturbetrieb erkennt man 2020 langsam, dass es zahlreiche Frauen gibt, deren Werk gewürdigt werden sollte. So werden die wichtigsten Literaturpreise in diesem Jahre ausschließlich an Frauen vergeben. Auffällig hierbei: Die meisten Preisträgerinnen sind „überwiegend (…) gestandene Intellektuelle, die auf den größten Teil ihres Arbeitslebens heute schon zurückblicken,“ wie es Felix Stephan in der SZ formuliert: Helga Schubert, die diesjährige Bachmann-Preisträgerin ist 80 Jahre alt, der Georg-Büchner-Preis geht an die 82-jährige Elke Erb, Ute Frevert wird mit 66 mit dem Sigmund-Freud-Preis ausgezeichnet und Rachel Salamander erhält mit 71 Jahren den Joseph-Breitbach-Preis.
Nun ist es wundervoll und völlig gerechtfertigt, dass den Autorinnen durch die Preisverleihungen mehr Sichtbarkeit zuteil und ihre Lebensleistung gewürdigt wird. Zugleich zeigt diese Entwicklung aber auch: Als Frau muss man hierzulande mitunter einen sehr langen Atem an den Tag legen, um endlich die längst überfällige Anerkennung zu erhalten.
sueddeutsche.de

„Kitas als durch und durch sozialdemokratische Einrichtungen“: In ihrem ZEIT-Kommentar spinnt Elisabeth Raether ein absurdes Gedankeneperiment: Eine Welt, in der es vom Staat genügend und großzügig ausgestattete Kindergärten und -tagesstätten gäbe. Eine Welt, in der Frauen, nachdem sie Kinder bekommen haben trotzdem oder gerade deshalb den Freuden der Erwerbsarbeit widmen könnten, da sie ihre Kinder gut versorgt wüssten. In der Hausfrauen nicht auf die sichere Altersarmut hinsteuern würden und Politiker in Zeiten einer Pandemie für einheitliche Corona-Kindergarten-Regelungen plädieren würden.
zeit.de

Führungskräfte brauchen mehr Empathie: Zumindest wenn es nach Harvard-Professor Ronald Heifetz geht. Dieser bemängelt die Emotionslosigkeit und fehlende Empathie einiger Führungskräfte in der Corona-Krise: „Wir brauchen eine Führung, die uns den Schmerz annehmen lässt, dass es drei Jahre dauern kann, bis wir einen Impfstoff haben.“ Zugleich lobt er die weibliche Regierungsoberhäupter: „In mehreren Ländern haben es Frauen gut geschafft, den Leuten die neue Realität nahezubringen, die Unsicherheit zu umarmen, ihr Herz sprechen zu lassen und so auf die Bedürfnisse der Menschen zu reagieren. Gleichzeitig sehen wir Männer, die von ihrer eigenen Brillanz betört sind, ihren eigenen Verlautbarungen glauben und ihr Publikum in die Irre leiten, weil sie sich
selbst in die Irre leiten.“ Und bedient damit einmal mehr das Klischee von den warmen, emotionalen Frauen, die rationalen und toughen Entscheidern entgegenstehen.
capital.de

„Wir sind im Jahr 2020 und es ist erschreckend, wie hartnäckig sich die alten Muster halten und total schade, dass es so wenig Bereitschaft gibt, die Verhältnisse zu reflektieren. Deshalb ist es so wichtig, dass sich die Parteien entweder selbst verbindliche Vorgaben machen – oder der Gesetzgeber muss ran und die Sache regeln.“
Dr. Helga Lukoschat, Vorstandsvorsitzende der Europäischen Akademie für Frauen (EAF Berlin), blickt in Sachen Parität skeptisch in die Zukunft.
fr.de

Die gute Nachricht zum Schluss: Immer mehr Menschen in Deutschland leben von der eigenen Arbeit. Beziehungsweise: Können von der eigenen Arbeit leben. Deutlich gestiegen sei laut Statistischem Bundesamt gerade der Anteil der Frauen, die hauptsächlich von ihrer Erwerbstätigkeit leben. Waren dies vor 20 Jahren noch 52 Prozent, so belief sich der Anteil jüngst auf 68 Prozent.
spiegel.de