KW 30: Chinesinnen übernehmen immer mehr Verantwortung, Hans-Böckler-Stiftung bestätigt traditionelle Rollenmuster in Familien, Japan gibt Ziel zur Frauenförderung auf

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

in der Unternehmenswelt heißt es oft „Kultur isst Strategie zum Frühstück“. Der Satz stammt vom Ökonomen Peter Drucker und soll ausdrücken, dass oft gut durchdachte Ziele verfehlt werden, weil die Kräfte der Kultur stärker sind. Menschen verhalten sich schließlich nicht plötzlich sehr anders, wenn neue Ziele gesetzt werden. Dies trifft auch für die Gleichstellung zu: Japan ist mit der eigenen Frauenquote krachend gescheitert und ist auf dem letzten Platz der Industriestaaten. Auch in Deutschland kommt der Kulturwandel in zaghaften Schritten. Ein Gutachten gab nun Familienministerin Franziska Giffey Recht, dass eine Quote sinnvoll wäre – schlicht, weil freiwillige Zielvorgaben für mehr Diversität nicht die erhofften Ergebnisse bringen. Dass selbst Kanzlerin Angela Merkel mittlerweile zustimmend gegenüber der Quote ist, dürfte viele überraschen – vor ihrer Kanzlerschaft lehnte sie die Quote nämlich stets ab. Wie viele Frauen dachte sie, dass sich die Dinge mit der Zeit natürlich dahingehend entwickeln, dass Frauen aufsteigen, je mehr qualifizierte Arbeitnehmerinnen und Managerinnen auf dem Markt sind. In der Praxis kommt es aber oft anders – Männer stellen Leute ein, die ihnen ähneln und Mitarbeiter fühlen sich mit männlichen Vorgesetzten sicherer, weil sie die Spielregeln kennen. Die Kultur hat die Geschlechtergerechtigkeit verspeist.

Ihre Alice Greschkow

Chinesinnen übernehmen immer mehr Verantwortung

Laut Credit Suisse Gender 3000 Report aus dem vergangenen Jahr sind 15 Prozent der Führungskräfte auf C-Level in Unternehmen Frauen – mehr als in Europa und den USA. Bei den Abteilungsleitungen von IT oder HR sind es 36 Prozent – dort stehen die USA und Europa gleichauf. Auch wenn andere Studien niedrigere Führungsanteile von Frauen zeigen, so ist der Trend deutlich: in den vergangen Jahren drängen immer mehr Frauen in Führungspositionen. Dies hängt mit der politischen und kulturellen Prägung des Landes zusammen: der sozialistische Führer Mao erwartete, dass Frauen in das Arbeitsleben integriert sind. Darüber hinaus werden Frauen angesehen, die maßgeblich zum Haushaltseinkommen beisteuern. Traditionell gibt es daher einen hohen Anteil an Eigentümerinnen von Unternehmen. Für viele ist es selbstverständlich die Karriere zu priorisieren, ohne als „Rabenmutter“ abgestempelt zu werden. Dabei gibt es jedoch auch einen gegensätzlichen Trend: ein gewisser Teil der Frauen, die es sich finanziell leisten können, entscheiden sich heute für die Hausfrauenrolle. Erfolgreiche Managerinnen geben dabei an, dass dennoch unterschiedliche Maßstäbe an ihre Arbeit angelegt werden: Frauen müssen oft bessere Ergebnisse erbringen, um bemerkt zu werden. 85 Prozent der Frauen geben zudem an, dass die Mutterschaft ihre Karriere beeinflusst.
nzz.ch

Hans-Böckler-Stiftung bestätigt traditionelle Rollenmuster in Familien: Zwar haben im Juni viele Kitas und Schulen den Betrieb vor Ort wiederaufgenommen, allerdings ist ein ausgleichender Effekt auf die Gleichstellungsdynamik in Familien ausgeblieben. Zwischen April und Juni ist die Differenz in der Arbeitszeit zwischen Männern und Frauen sogar gestiegene – Männer arbeiten im Schnitt 12 Stunden mehr pro Woche als Frauen. Im April betrug die Differenz 10 Stunden. Insbesondere in Familien mit geringem Nettoeinkommen ist dieser Trend zu beobachten – ökonomisch ist es oft sinnvoller, dass die Frau die Arbeitszeit verkürzt. Bettina Kohlrausch von der Böckler-Stiftung erklärt dazu: „Die Befürchtung bleibt, dass sich Mütter und Väter unter dem Druck der Krise wieder an traditionellere Rollenmuster gewöhnen. Wir können da keine Entwarnung geben, und wir sehen spürbare Effekte bei der Arbeitszeit.“
boeckler.de

Widerstand gegen die Quote bewegt die CDU: Hinter den Kulissen soll sich reger Widerstand gegen die beschlossene Quote für Gremien ab der Kreisebene regen. Nicht nur der als erzkonservativ geltende Chef der Jungen Union, Tilman Kuban, sondern auch die Werteunion hat öffentlich scharfe Kritik am Instrument geübt. Die CDU hat einen Frauenanteil von einem Viertel – die paritätische Besetzung von Posten würde Männer benachteiligen. Allerdings bangen die CDU-Funktionäre auch um die Stimmen der Wählerinnen. Viele könnten die Grünen wählen, wenn Merkel ihre politische Karriere nach der Legislaturperiode beendet und Annegret Kramp-Karrenbauer als Parteivorsitzende zurückgetreten ist. Beobachter meinen, dass der Veränderungsdruck innerhalb der Partei unter Merkel geringer gewesen sei, weil sie als Kanzlerin ein Beispiel für weiblichen Erfolg gegeben hat. Merkel war vor ihrer Kanzlerschaft selbst gegen die Quote und ging davon aus, dass Unternehmen allmählich mehr und mehr Frauen in Führungsposten integrieren würden – nun unterstützt sie die Frauenförderung, da der Fortschritt vielerorts nur schleppend vorangeht.
zeit.de

Japan gibt Ziel zur Frauenförderung auf: Japans Premier Shinzo Abe hatte sich die Frauenförderung auf die Kappe geschrieben und wollte einen Frauenanteil von 30 Prozent in Führungsgremien bis 2020 erreichen. Unternehmen sollten als Teil der Wachstumsstrategie mehr Frauen einbinden. Dies ist fehlgeschlagen – der Anteil der Politikerinnen liegt bei unter 10 Prozent. In Unternehmen und im öffentlichen Dienst sind knapp 15 Prozent der Führungspositionen von Frauen besetzt. Im globalen Vergleich schneidet Japan in puncto Gleichstellung schlecht ab – es verbucht die schlechtesten Werte der Industriestaaten und war im vergangenen Jahr auf Platz 121 von von 153 Staaten, die das Weltwirtschaftsforum in puncto Geschlechterunterschiede untersuchte.
sumikai.com

Mitarbeiter schätzen Diversität: In Deutschland ist der typische Vorstand laut Diversitätsbarometer 2020 der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Warth & Klein Grant Thornton und der Leuphana-Universität in Lüneburg 55 Jahre alt, männlich und deutsch. Diverse Führungsteams sind vielerorts noch nicht implementiert. Dabei schätzen Arbeitnehmer Diversität als Erfolgsfaktor ein. Die Hälfte der Männer und 63 Prozent der Frauen beklagen laut Stepstone und der Handelsblatt Media Group Defizite bei der Diversität. Dabei geht es auch um Altersdiskriminierung. Frauen beklagen, dass Familie und Kindererziehung in der Berufswelt einen Makel darstellen. Drei Viertel der Arbeitnehmer bewerten Diversität in Krisensituationen als wichtigen Erfolgsfaktor. Dass divers aufgestellte Teams nachhaltiger und besser wirtschaften, ist bereits in mehreren Studien belegt. Die Handelsblatt Media Group nimmt sich dem Thema genauer an und hat „The Shift Initiative“ initiiert, um sich der Diversität in Unternehmen anzunehmen. Dabei geht es auch um internationale Wettbewerbsfähigkeit: Deutschland muss als innovative Exportnation mithalten können – interkulturelle Kompetenzen und ein breiteres Verständnis von Business können dabei von Vorteil sein.
handelsblatt.com

Ironhack bietet IT-Stipendien an: Die IT-Fortbildungsschule Ironhack hat einen Fonds mit einem Volumen von 300.000 Euro aufgesetzt, um Quereinsteigern ohne IT-Kenntnisse einen Einstieg in die Tech-Branche zu ermöglichen. Damit will die Institution auch Menschen helfen, die infolge der Corona-Pandemie ihren Beruf verloren haben. Der Großteil der neuen Arbeitslosen sind Frauen, die in personenbezogenen Berufen wie im Einzelhandel, dem Tourismus oder der Gastronomie gearbeitet haben.
she-works.de

  • Leistungssport: Kinder nicht erwünscht faz.net
  • Karriere im MINT-Bereich: Planungstool soll Absolventinnen helfen t-online.de
  • Frauen als Chef haben viel Potential – doch es wird verschenkt b4bschwaben.de
  • Women in Tech: „Bis heute hat sich das Thema Diversität nicht überall in den Köpfen der Menschen etablieren können“ entwickler.de
  • Kommunale Unternehmen: In der Chefetage hat Frau das Nachsehen bund-verlag.de
  • Immer mehr Frauen verdienen Lebensunterhalt selbst sueddeutsche.de

Judy Shelton ist eine US-amerikanische Ökonomin. Sie studierte zunächst Erziehungswissenschaften, absolvierte einen MBA und promovierte in Betriebswirtschaftslehre. Später war sie unter anderem im Vorstand der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung in London. Shelton ist von Donald Trump nominiert für einen Gouverneursposten in der amerikanischen Zentralbank Fed. Sie gilt als umstritten, da sie eine Rückkehr zum Goldstandard fordert.

In der Supply-Chain-Branche liegt der Frauenanteil bei
17 Prozent

und ist laut dem Marktforschungsunternehmen Gartner um sechs Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. Die Zahlen beziehen sich auf Nordamerika.
dvz.de

Gutachten unterstützt Forderung nach Quote in Vorständen: Ein Gutachten für die Bundesregierung bekräftigt die Forderung von Familienministerin Franziska Giffey nach einer Quote für Vorstände. Die 400-seitige Studie wurde von der Personalberatung Kienbaum, dem Unternehmen Flick Gocke Schaumburg und der Europe Business School durchgeführt. Sie kommen zu dem Schluss, dass freiwillige Richtlinien zur Frauenförderung nicht die gewünschten Ergebnisse bringen. Giffey hatte gemeinsam mit Justizministerin Christiane einen Gesetzesentwurf für die Einführung einer Frauenquote auf Vorstandsebene von börsennotierten Unternehmen im Frühjahr vorgelegt. Dies würde rund 100 Unternehmen betreffen. Zuletzt hatte sich auch Kanzelerin Angela Merkel offen für den Vorschlag gezeigt, obwohl auch viel Kritik an der Quote erfolgte.
rp-online.de

Julia Beil fordert mehr Mut bei Frauen – und weniger Vorteile: Autorin Julia Beil beobachtet, wie Frauen im Berufsleben ständig auf andere Rücksicht nehmen – und dabei selbst zurückstecken. Sie wollen niemandem zur Last fallen oder zu dominant wirken und verspielen so Karrierechancen. Die Gründe dafür sieht Beil unter anderem in der Art wie dominante und fordernde Frauen bewertet werden – auch von anderen Frauen. Die Autorin räumt selbst ein, dass sie solche Frauen selbst intuitiv irritierend und unsympathisch gefunden hat. Sie fordert daher, dass Frauen sich trauen selbst mutiger und sichtbarer zu werden und aufhören andere für diese Eigenschaften zu verurteilen.
businessinsider.de

Frauen in der Weimarer Republik: Die Romanautorin Aris Fioretos und die Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun setzen sich in ihren Büchern „Nelly B’s Herz“ und „Stille Post“ mit außergewöhnlichen Frauen während der NS-Zeit auseinander. Während Fioretos Protagonistin an die erste Pilotin Deutschlands, Melli Beese, angelehnt ist, geht es in von Brauns Buch um die Nachzeichnung des Lebens ihrer eigenen Großmutter. Diese schlug sich nach dem Kriegstod des Ehemannes als Alleinerziehende durch und war im Widerstand organisiert. Beide Fälle eint das Bild der „Neuen Frau“ der 1920-er Jahre, das allerdings mit Hitlers Politik vollkommen eingestampft werden sollte. Rebellische und ambitionierte Frauen mussten sich einer Reihe von Hürden stellen – dass es Pionierinnen im Alltag gab, beweisen beide Autorinnen auf ihre eigene Art.
deutschlandfunkkultur.de

Im mittleren Alter sind Frauen unternehmungslustiger als Männer.“

Sex-And-the-City-Autorin Candace Bushnell sieht, dass Frauen mit dem Alter auf mehr Dinge Lust haben – aber sie beobachtet, dass von Frauen ab 50 erwartet wird, dass sie beiseite treten sollen.
sueddeutsche.de

Foto: Kate Sherrill via flickr.com/ CC 2.0

In Schweden sind mehr Frauen als Männer im Klerus: 2019 gab es in der lutherischen Kirche Schwedens 1.533 weibliche und 1.527 männliche Kleriker – damit sind erstmals mehr Frauen als Männer in der geistlichen Welt des skandinavischen Landes vertreten. Bei den Diakonen beträgt der Frauenanteil 89 Prozent – im Priesteramt 37 Prozent.
katholisch.de