KW 31: Polen kündigt Rücktritt der Istanbul Konvention an, Gleichberechtigung-Paradoxon, Höhere Löhne für Männer werden von beiden Geschlechtern als gerecht empfunden

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

es klingt so einfach: Gleichberechtigung. Fünf Silben, aus denen hervorgeht, dass zwei Parteien dieselben Rechte haben. Niemand soll bevorzugt werden, niemand benachteiligt. In Deutschland finden wir diesen Grundsatz in Artikel 3 des Grundgesetzes. Dennoch: Theorie und Praxis driften weit auseinander. Während hierzulande noch über die Notwendigkeit von Frauenquoten diskutiert wird, wird in unserem Nachbarland Polen über einen Rückschritt in die Vergangenheit nachgedacht: Den Austritt aus der sogenannten Istanbul Konvention zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen. Die schlichte Tatsache, dass es im Jahr 2020 noch Menschen gibt, die sich augenscheinlich von einem solchen Übereinkommen bedroht fühlen, macht sprachlos.
Doch es geht bei Gleichberechtigung ja nicht einfach um das Zugeständnis von Grundrechten. Auch in Ländern, in denen es faktisch sehr gut um Chancengleichheit bestellt ist, zeigt sich laut einer internationalen Studie: Je gleichberechtigter ein Land ist, desto weniger unterstützend sind Männer beim Versuch, noch mehr Chancengleichheit zu erreichen. Im Rahmen eines Experiments des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung kam indes heraus, dass sowohl Männer als auch Frauen höhere Löhne für männliche Arbeitnehmer nachvollziehbar finden – und das in einer Zeit, in der frauengeführte Unternehmen stark von der Pandemie betroffen sind, in der nach wie vor nur ein Bruchteil der Führungsebenen weiblich besetzt ist und Frauen sich nicht nur über strukturelle Benachteiligung, sondern auch über plumpen Sexismus hinwegsetzen müssen. Wie dieser Ungleichheit begegnen? Die US-Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez machte es in der vergangenen Woche vor: Nachdem sie der republikanische Abgeordnete Ted Yoho vor einem Reporter beleidigt hatte und anschließend zurückgerudert war, nahm sie sich Yoho, aber auch die Gesellschaft, die solche verbalen Attacken zulässt, in einer zu gleichen Teilen sachlichen wie emotionalen Rede vor.
Es scheint, als wäre immerhin ein Anfang gemacht. Benachteiligung und unfaire Behandlung nicht mehr einfach hinzunehmen, sondern anzusprechen, sie sichtbar zu machen.

Ihre
Isabelle Broszat und Alexandra Wiedner

Polen plant Austritt aus Istanbul Konvention

Das Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt, auch als Istanbul Konvention bekannt, verpflichtet die Unterzeichnerstaaten jegliche Gewalt gegen Frauen und Mädchen sowie alle Formen häuslicher Gewalt als Verbrechen einzustufen und sich gegen die Diskriminierung von Frauen einzusetzen. Nach Ansicht des polnischen Justizministers Zbigniew Ziobro seien Bestimmungen „ideologischer Natur“ in dem Abkommen enthalten, die er nicht akzeptieren könne und für schädlich halte. Dem zuständigen Familienministerium habe er bereits den Austritt vorgeschlagen. Die Istanbul Konvention wird als internationaler Meilenstein angesehen, da es einen Rechtsrahmen auf paneuropäischer Ebene geschaffen hat, der Frauen vor allen Formen der Gewalt schützen soll. Die Konvention ist Ausdruck eines historisch gewachsenen ungleichen Machtverhältnisses zwischen Männern und Frauen. Ziobro bezeichnet sie als eine „feministische Schöpfung zur Rechtfertigung der homosexuellen Ideologie.“ Der Europarat nannte den Vorstoß „alarmierend“. Auch Abgeordnete des Europaparlaments zeigen sich entsetzt. So bezeichnete Dacian Cioloș, Vorsitzender der Fraktion Renew Europe und früherer Ministerpräsident Rumäniens, es als „erbärmlichen Schritt (…) zur Demonstration ihres Konservativismus“. Selbst innerhalb der rechtsgerichteten Regierung gilt das Aufkündigen der Konvention als umstritten.
dw.com, zeit.de, spiegel.de

Das Gleichberechtigung-Paradoxon: Obwohl Frauen und Männer von mehr Geschlechtergleichheit in gleicher Weise profitieren, wird dies von Männern anders wahrgenommen. Männer betrachten Gleichberechtigung immer dann als kritisch, wenn dabei Frauen gewinnen und Männer ihren höheren Geschlechterstatus verlieren könnten. Dies ergab eine eine Länderstudie mit knapp 6.700 Männern aus 42 Nationen. In den Ländern mit hoher Gleichberechtigung, seien Männer weniger bereit sich für Schritte wie die Chancengleichheit einzusetzen. Dies galt für Männer aus den Ländern Norwegen, Irland und die Philippinen, die in Sachen Gleichberechtigung international Spitzenposition einnehmen. Die an der Studie beteiligten Wissenschaftler vermuten, dass die Männer dort Frauen eher als Konkurrentinnen ansehen, als in Ländern, in welchen Frauen eher weniger Rechte haben.
deutschlandfunk.de

Höhere Löhne für Männer werden von beiden Geschlechtern als gerecht empfunden: Das Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung hat ein umfragebasiertes Experiment über die Gender Pay Gap durchgeführt. Untersucht wurde, wie Frauen und Männer diese bewerten. Hierbei wurden fiktive Charaktere mit identischer Tätigkeit, Alter, Arbeitsleistung und anderen
Merkmalen erstellt. Der einzige Unterschied lag im Geschlecht. Das Ergebnis ist erstaunlich: Drei Prozent höhere Löhne für Männer wurden sowohl von Frauen, als auch von Männern als gerecht bewertet. Je älter die befragten Personen und die bewerteten fiktiven Personen waren, desto größer fiel Lücke in den als gerecht empfunden Löhnen aus. Rahmenbedingungen wie Geschlechterquoten für Führungspositionen, mehr Partnermonate beim Elterngeld oder mehr weibliche Vorbilder in klassisch männlich dominierten Rollen könnten dies verändern.
businessinsider.de

Nicht mal ein Viertel der Chefpositionen im europäischen Einzelhandel ist weiblich besetzt: Nachbesserung hinsichtlich der Besetzung der Aufsichtsräte hatten viele europäische Unternehmen im Einzelhandel angekündigt. In Wahrheit sitzen noch immer Männer im Vorstand und Frauen an den Kassen. Die Industrie, in der der Großteil der Beschäftigten weiblich ist und der Frauenanteil in der Branche rund 63 Prozent beträgt, wird trotzdem von Männern geführt. Dies ergab eine Bloomberg-Umfrage unter den 24 börsennotierten Einzelhandels-, Mode- und Luxusfirmen in Europa. Damit treffen vor allem Männer Entscheidungen über eine Branche, die eine überwiegend weibliche Zielgruppe hat. Geschäftsführerin der Hampton-Alexander Review, Denise Wilson-White, erklärt, dass Frauen bei Auswahlprozessen häufig nicht angenommen würden, weil es erstens Vorurteile gegen sie gibt und weil männliche Führungskräfte ihre Nachfolger oft nach ihrem eigenen Bild besetzten.
n-tv.de

Frauen im Handwerk: Zwar sind Frauen in Handwerksberufen längst keine Seltenheit mehr, doch in den Führungsetagen sieht es meist anders aus. Zwar werde laut Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) jedes fünfte handwerkliche Unternehmen inzwischen von einer Frau geführt, doch die Verteilung ist ungleich: Die meisten Frauen führen „kreative“ Handwerksunternehmen – Friseursalons, Schneidereien, Fotostudios oder Konditoreien. Zum Vergleich: 36 Prozent dieser werden von Frauen geführt, jedoch nur vier Prozent der Maler- und Lackierbetriebe. Generell ergreifen inzwischen eher weniger als mehr Frauen einen Handwerksberuf: Zwar sind ungefähr ein Fünftel der Auszubildenden (19,7 Prozent) im Handwerk weiblich, doch noch vor zehn Jahren waren es mehr als ein Viertel (27 Prozent). Dreiviertel aller Frauen im Handwerk arbeiten wiederum in zehn Ausbildungsberufen. Es scheint, als hätten es Frauen in „klassischen“ Männerberufen immer noch schwer. Laut dem Soziologen Andreas Haupt vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) hat das verschiedene Gründe: Es handelt sich immer noch um eine männlich dominierte Kultur. Es sei nicht der mitunter raue Umgangston, der Frauen abschrecke, sondern die Kultur, die leider immer noch stark von Sexismus fehlender Gleichberechtigung und auch fehlenden Möglichkeiten zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf geprägt sei.
bnn.de

Wie die Pandemie sich auf Frauen in der Wirtschaft auswirkt: In einer kürzlich vom International Trade Center durchgeführten Studie über die Auswirkungen der Pandemie auf kleine Unternehmen, internationale Lieferketten und den Handel, erklärten 64 Prozent der von Frauen geführten Unternehmen ihre Geschäftstätigkeit als stark betroffen. So gaben Unternehmen an, dass weibliche Beschäftigte, insbesondere während der erforderlichen Heimarbeit, eher dazu neigten, wegen des zunehmenden Kinderbetreuungsbedarfs zu kündigen. Weiterhin viel es schwer den Betrieb digital umzustellen. Ausgangssperren hätten vermehrt zu Fällen von Gewalt durch Partner und in der Familie geführt und letztlich wussten viele Unternehmen auch nicht mit der psychischen Gesundheit und dem Wohlbefinden ihrer Mitarbeiter umzugehen. Die sich vertiefende wirtschaftliche Kluft zwischen Männern und Frauen wird eine Rückkehr aus der Rezession durch enorme Produktivitätsunterschiede gefährden.
weforum.org

  • Nach der Kanzlerin beginnt die Zeit der Frauen zeit.de
  • Berlin ist Spitze bei den Chefinnen moz.de
  • Auch Bundesregierung empfiehlt Einführung der Frauenquote in Unternehmensvorständen vorwaerts.de
  • Immer mehr Frauen verdienen Lebensunterhalt selbst stimme.de
  • Diversity im Ingenieurberuf: „Es ist eine Frage, wie wir unsere Söhne erziehen“ ingenieur.de
  • Frauenrechtsorganisationen protestieren gegen steigende Femizide in der Türkei deutschlandfunkkultur.de
  • Der rechte Hass auf Frauen dw.com
  • Chinesische Frauenrechtler treiben Reformen voran spiegel.de
  • COVID-19 wirkt sich stark auf die Arbeitswoche von Müttern aus weforum.org

Theresa Kachindamoto ist seit 2003 das Oberhaupt des malawischen Dedza-Distrikts. Sie wird „The Terminator“ genannt, da sie schon weit über 1.000 Vermählungen und Kinderehen aufgelöst hat.
Als jüngstes von zwölf Kindern war es mehr als ungewöhnlich, als der Familienrat Theresa als Nachfolgerin ihres verstorbenen Vaters auserkor. So kam sie nach 27 Jahren im Ausland wieder in ihre Heimat, den 900.000 Einwohner starken Dezda-Distrikt. Angesichts der vielen, sehr jungen Mütter, die so dort antraf, beschloss sie, die Gesellschaft zu verändern und Kinderehen zu verbieten. Erwartungsgemäß gab es viel Gegenwind, sogar Todesdrohungen gegen ihre Person. Doch schließlich konnte Kachindamoto sogar die Landesregierung davon überzeugen, das heiratsfähige Alter auf 18 Jahre zu erhöhen. Die Frauen Malawis danken Kachindamoto dafür.
Nafarroako Gobernua / CC BY-SA

70 Prozent

der Gründerinnen von Startups haben mit negativen Auswirkungen auf ihren Betrieb zu kämpfen. Das geht aus dem Female Founders Monitor hervor. Durch die Pandemie sind sie von Umsatzeinbrüchen, dem Ausfall von Veranstaltungen und der Verzögerung von Aufträgen betroffen. Außerdem würde durch die Krise die Vereinbarkeit von Familie und Beruf abermals erschwert.
produktion.de

Alexandria Ocasio-Cortez hält gekonnt dagegen: Der 65-jährige republikanische Abgeordnete Ted Yoho bezeichnete US-Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez (AOC) vor Reportern als eine ekelhafte „Fucking Bitch“. Später entschuldigte er sich jedoch mit den Worten, dass auch er Frau und Töchter habe. Ist jemand demnach automatisch kein Sexist, weil er Ehemann und Vater ist? Eine Tochter zu haben, ist kein Impfstoff gegen schlechtes Verhalten und sie kann auch nicht als rhetorisches Schutzschild verwendet werden. In diesem Sinne hielt Ocasio-Cortez mit einer Rede über die Kultur, die solche gewaltvolle, entmenschlichende Sprache ermögliche, gekonnt gegen. Sie dankte Yoho für sein Verhalten, da es zeigte, dass die Tatsache, eine Frau und zwei Töchter zu haben, einen Mann noch lange nicht zu einem anständigen Mann mache.
taz.de, tagesspiegel.de

Zwei Gründerinnen starten am E-Health-Markt durch: Nora Blum bringt mit ihrem Health Startup Selfapy Psychotherapie ins Netz. Die 28-Jährige war die lange Wartezeit auf ein Termin beim Psychologen satt und hat vor vieren Jahren zusammen mit Mitgründerin Katrin Bermbach, 29, das Geschäftsmodell für psychologische Onlineberatung erschaffen. Nach einigem Zögern kam die Idee gut an: Anfang des Jahres konnten die beiden Gründerinnen Investorengelder in Höhe von sechs Millionen Euro einsammeln. Auch das Gesundheitsministerium scheint an die App zu glauben und hat grünes Licht gegeben: Ab September soll Selfapy verschreibungsfähig sein. Wenn alles nach Plan läuft, soll das Geschäft schon im nächsten Jahr profitabel sein.
manager-magazin.de

#challengeaccepted: Instagram-Aktion mit feministischer Botschaft: Seit einigen Tagen mehren sich auf der Plattform Instagram Schwarz-Weiß-Fotos mit der Caption „#challengeaccepted“. Doch was wie die Neuauflage eines simplen Kettenbrief daherkommt, hat einen ernsten Hintergrund. Knapp vier Millionen Postings gibt es unter dem Hashtag. Prominente wie Jennifer Garner, Reese Witherspoon oder Kerry Washington nahmen an der Aktion teil. Ziel sei es, auf den Stellenwert der gegenseitigen Unterstützung, von Frauenfreundschaften und Feminismus aufmerksam zu machen, wie auch ein Instagram-Sprecher der New York Times bestätigt haben soll. Eine andere Interpretation legten Userinnen am Dienstag nahe: Es gehe nicht vordergründig um Female Empowerment, sondern um Aufmerksamkeit für Femizide in der Türkei. Der Nutzer „@beelzeboobz“ erklärte in einem vielfach geteilten Post auf der Plattform, die Challenge habe ihren Ursprung in der Türkei und soll Bewusstsein für die dort hohe Anzahl an Frauenmorden schaffen. Jeden Tag würden Nutzerinnen und Nutzer in der Türkei Schwarz-Weiß-Fotos von ermordeten Frauen in ihren Social Media-Kanälen, aber auch in Zeitungen und dem Fernsehen sehen. Mit der Aktion soll Solidarität bekundet werden. 2019 wurden laut der Organisation „We Will Stop Femicide“ im vergangenen Jahr 430 Frauen ermordet worden. 2020 sollen es bisher 27 gewesen sein, wobei die Dunkelziffer viel höher liegen könnte.
rnd.de, ze.tt

„In dieser Frage geht es nicht um einen einzigen Vorfall. Es geht um die Kultur (…) der Akzeptanz von Gewalt und gewalttätiger Sprache gegen Frauen, eine ganze Machtstruktur, die das unterstützt.“
Alexandria Ocasio-Cortez, demokratische Abgeordnete im US-Repräsentantenhaus, nahm einen verbalen Angriff des Republikaners Ted Yoho und die darauf folgende, halbherzige Entschuldigung seinerseits zum Anlass, um in einer Brandrede auf noch immer bestehende, gesellschaftliche Missstände hinzuweisen.
forbes.com
Bild: Franmarie Metzler; U.S. House Office of Photography / Public domain

Serena Williams gründet Frauenfußballklub: Um sich für die faire Bezahlung von Sportlerinnen einzusetzen, hat Tennis-Legende Serena Williams gemeinsam mit vielen weiteren Prominenten in Los Angeles den Frauenfußballklub „Women’s Football Club Nagel City“ gegründet. Der Verein, der bereits eine Lizenz für die Profiliga NWSL erworben hat, soll ab 2022 erste Spiele absolvieren dürfen. Neben zahlreichen Sportlerinnen und Schauspielerinnen gehören auch Tech-Legende Julie Uhrman und die Risikokapitalgeberin Kara Nortman zu den Unterstützerinnen des Projekts.
sueddeutsche.de