KW 32: Feministische Außenpolitik kann mehr Sicherheit bringen, Drei Frauen fordern Lukaschenko heraus, Das Ende der „Girl Bosses“

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

ist Sheryl Sandberg mit dem „Lean-In-Feminismus“ gescheitert? Der Ansatz, dass Frauen gut adaptiert und strebsam aufsteigen können, wenn sie sich genug anstrengen und fleißig sind, scheint nicht mehr aktuell. Die Idee, dass der Markt Frauen automatisch beruflich wertschätzen würde, wenn sie genug Qualifikationen gesammelt haben, ist alt. Viele glauben noch daran, dass eine unsichtbare Hand – aber keine göttliche – die Dinge regeln würde. Frauen müssten einfach im Wettbewerb mit ihren Fähigkeiten und Erfahrungen bestehen und die Veränderung würde „automatisch“ greifen. In Deutschland kommen Veränderungen allerdings sehr langsam voran – andere Staaten sind da schneller. Dabei ist Deutschland eine treibende wirtschaftliche Feder, das ökonomisch stärkste Land Europas. Die unsichtbare Hand müsste hier am stärksten sein in Anbetracht der vielen mittelständischen Unternehmen, Hidden Champions und Weltkonzerne. Aber nein. Stattdessen diskutiert man noch immer über Quoten, weil die kulturelle Prägung sich wenig um unsichtbare Mächte schert. Unzählige Frauen haben sich die Arbeitswelt anders vorgestellt und folgen Sandbergs Tipps wie sie das Marktsystem für sich nutzen könnten. Sie lernten, adaptierten, arbeiteten – und am Ende stiegen die Männer auf.

Ihre Alice Greschkow

Feministische Außenpolitik kann mehr Sicherheit bringen:

Kristina Lunz, Gründerin des „Zentrums für feministische Außenpolitik“, berät internationale Akteure dabei den Blick auf Frauen und Sicherheit sowie ihre Rolle in Kriegen und Konflikten zu schärfen. Die Diplomatie-Expertin erklärt, dass das gängige Bild der Außenpolitik sei, dass die Welt anarchisch ist und Staaten gegenüber anderen ihren Machtanspruch geltend machen müssen – häufig auch mit militärischen Mitteln. Im Gegensatz dazu sieht die feministische Außenpolitik die Sicherheit der Menschen sowie ihre individuellen Rechte als vordergründig an. Lunz erklärt, dass Frau überproportional oft Opfer von Waffengewalt in Konflikten werden – schlicht aufgrund der Tatsache, dass sie keine Waffen besitzen, Männer hingegen diejenigen sind, die sie nutzen. Lunz sieht dabei auch eine Machtdynamik zwischen dem globalen Norden und Süden, wenn es um die Produktion von Waffen sowie deren Effekt auf die Zivilbevölkerung geht. Die Rolle von Außenminister Heiko Maas bewertet sie positiv – er mache den Eindruck ein tatsächliches Interesse an der Sicherheit und Rolle von Frauen in Konflikten zu haben. Wenngleich die feministische Vision eine Utopie ist, so sei sie eine Möglichkeit um die Sicherheit der Zivilbevölkerung in Konflikten zu verringern – Demilitarisierung als Kernforderung würde diesen Effekt erzielen.
spiegel.de

Drei Frauen fordern Lukaschenko heraus: In Belarus herrscht der Präsidentschaftswahlkampf. Staatsoberhaupt Alexander Lukaschenko regiert seit 26 Jahren und möchte auch eine weitere Amtszeit das Land führen. Dafür setzt er auf ein Klima von Angst vor dem Chaos und verweist auf die Ukraine als Negativbeispiel für schwache Führung. Sich selbst stilisiert er als einziger Retter vor diesem Chaos. Gegen ihn kandidiert Swetlana Tichanowskaja, die ursprünglich keine politischen Ambitionen verfolgte. Nachdem ihr Mann – Regierungskritiker und YouTuber – jedoch verhaftet wurde, trat sie an seiner Stelle als Präsidentschaftskandidaten an. Unterstütz wird sie von Veronika Zepkalo, deren Mann ebenfalls kandidieren wollte, aber ins Ausland fliehen musste, und Maria Kolesnikowa, die den Wahlkampf für einen Kandidaten leiten sollte – bis dieser ebenfalls verhaftet wurde. Die drei Frauen mobilisieren die oppositionelle Bewegung und wollen der autoritären Führung Lukaschenkos ein Ende setzen. Ob dies gelingt, ist ungewiss – doch der Ausgang der Präsidentschaftswahl wirkt so offen wie lange nicht mehr.
zeit.de, deutschlandfunkkultur.de

30 Jahre Engagement für die Sichtbarkeit von Frauen: Die Politikwissenschaftlerin Claudia von Gélieu führt seit 30 Jahren Frauentouren in Berlin. Auf den Erkundungstouren macht sie auf Leben und Wirken von Frauen zu unterschiedlichen Zeiten aufmerksam. Dabei geht es um unbekannte Frauen, die Frauenbewegung und heutige Lebenssituationen. Zu prominenten Damen führt von Gélieu auch – das Grab von Marlene Dietrich oder Rosa Luxemburg sind besonders beliebt. Die Politologin merkt an, dass es und er Regel ältere Frauen seien, die sich bei ihren Touren anmelden – Jüngere hätten eine andere Art sich mit dem Thema Frauenrechten zu befassen.
tagesspiegel.de

Weiterhin wenige Frauen in Medien-Führungsposten: Der Verein „ProQuote Medien“ hat untersucht wie viele Frauen in Medienunternehmen in Führungsgremien vertreten sind. Lediglich der Stern hat mit 52 Prozent mehr Frauen in Spitzenpositionen. Es folgen Spiegel (40 Prozent), Zeit (35,8 Prozent) und Süddeutsche Zeitung (34,2 Prozent). Schlusslicht ist der Focus mit knapp 15 Prozent Frauenanteil in der Führung. Einen neuen Akzent legt die Taz: seit dem 1. August wird die Zeitung von einer weiblichen Doppelspitze geführt: Ulrike Winkelmann und Barbara Junge sind künftig verantwortlich für das Blatt.
deutschlandfunk.de

Kommunikationsexpertin empfiehlt Diversity-Check: Kommunikationstrainerin Barbara Materne hilft Unternehmen dabei diverser zu werden. Für sie ist dies eine Frage des langfristigen Erfolgs, da diverse Teams nachhaltiger wirtschaften. Sie empfiehlt Unternehmen zwei Ebenen auf die Geschlechtergleichheit zu checken: zum einen seien Recruiting- und Auswahlprozess wesentlich dafür, dass Frauen angezogen werden. Wie sind Stellenanzeigen formuliert? Denken diese Frauen mit? Wie verläuft der Onboarding-Prozess? Zum anderen sollten Unternehmen ihre Außendarstellung überprüfen – präsentieren sie auf Webseiten und Kommunikationskanälen nur Männer? Fehlt Diversität in diesen Punkten, sind Frauen oft desinteressiert am Unternehmen.
versicherungswirtschaft-heute.de

Vielfalt braucht Führung handelsblatt.com
Generationenwechsel im Unternehmen: Ihre Mutter kämmt Ihnen die Haare?! zeit.de
Wie Organisationen Frauen für den Aufsichtsrat gewinnen können editionf.com
Frauen in Medien: ‚Wir müssen uns halt selbst empowern‘ horizont.at

Amina Mohamed Jibril gilt als Favoritin für den Chefposten der Welthandelsorganisation (WTO). Sie stammt aus Kakamega und wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf. Mit einem Stipendium ging sie zum Studium in die Ukraine. Später erhielt sie einen Abschluss von der Universität Oxford im Bereich der Internationalen Beziehungen. Die somalischstämmige Politikerin war Außenministerin Kenias und die erste Frau, die die Internationale Organisation für Migration geführt hat. 2017 wurde sie als Generaldirektorin der Afrikanischen Union vorgeschlagen, verlor die Wahl jedoch gegen den Außenminister aus Chad. Im Juli 2020 wurde sie als Kandidatin für den Führungsposten der WTO nominiert – das Gremium wurde noch nie von einer Frau geführt.

Foto: World Trade Organization / Studio Casagrande, CC BY-SA 2.0

Junge Männer rechnen damit, dass ihr Gehalt um
80 Prozent

innerhalb von 10 Jahren steigt. Frauen hingegen erwarten eine Steigerung von weniger als 40 Prozent.
blogs.faz.net

Das Ende der „Girl Bosses“: Mit Sheryl Sandbergs „Lean In“ begann die Ära der weiblichen Chefinnen im öffentlichen Diskurs. Sandberg gab Frauen Tipps, wie sie sich im Wirtschaftssystem, das primär Männer an die Spitze trieb, beweisen konnten. Man musste sich genug Mühe geben und nachdrücklich auf seiner Ambition verharren – lean in eben. Autorin Leigh Stein sieht dies kritisch. In dieser Art des Feminismus ging es nämlich nie darum, das System zu hinterfragen – man sollte es sich zunutze machen. Eine Generation von Konsumentinnen und Unternehmerinnen versuchte im vergangenen Jahrzehnt das Vehikel der Marktwirtschaft für Aufstieg und Geschlechtergerechtigkeit zu nutzen. Für einige wenige klappte dies auch. In den USA, wo das Girl-Boss-Mantra besonders stark war, stieg die Ungleichheit in der Zivilgesellschaft allerdings in den vergangenen Jahrzehnten weiterhin. Klassen- und Rassenkonflikte werden zudem lauter – darauf bietet der karrierefreundliche Feminismus keine Antworten. Stein glaubt, das Ende der „Girl Bosses“ ist eingeläutet.
gen.medium.com

Geringer Frauenanteil hängt auch mit Unwillen von Führungspersönlichkeiten zusammen: Philine Erfurt Sandhu, Dozentin an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin, meint, dass Manager „Reflexionsverweigerer“ seien. Dies sei der Grund dafür, dass der Anteil der Frauen in Führungspositionen nur langsam wächst. Führungsteams seien oft homogen und würden im Gruppendenken verharren. Dass diese zu Fehlentscheidungen führen können, ist bisher nicht Anlass genug über die Diversität in Unternehmen nachzudenken, erklärt die Forscherin. Es gilt, vor allem Glaubensansätze zu hinterfragen, die über Rollenverteilung und Kompetenz festsitzen könnten.
handelsblatt.com

Ist das Karen-Meme misogyn? Memes – kleine humoristische Bildchen oder Sprüche zum Teilen – sind ein fester Bestandteil der Popkultur geworden. Sie sagen viel über den Zeitgeist, Einstellungen und Werte aus. Gegenwärtig ist das „Karen“-Meme im Trend. Aus den USA schwappt es langsam nach Deutschland über. Dabei wird Karen als Code oft für eine weiße Frau genutzt, die sich lautstark und ungeniert beschwert, falls ihr etwas nicht passt – ob im Supermarkt, vor den Lehrern der Kinder oder mit Nachbarn. Karen ist dabei nicht selten rassistisch und ist daher zum Symbol für privilegierte Frauen geworden, die ihre Macht nicht wahrnehmen wollen. Einige Autorinnen sehen in dieser Kulturfigur jedoch eine versteckte frauenfeindliche Haltung. Die Autorin Phoebe Maltz Bovy schreibt, dass es natürlich rassistische Frauen gibt, die sich inakzeptabel verhalten. Allerdings würde es ein zweifelhaftes Frauenbild ausdrücken, wenn jedes Mal, wenn sich eine Frau beschwert, die „Karen-Karte“ gezogen würde. Sie ist der Auffassung, dass dahinter eine mangelnde Akzeptanz dafür steckt, dass Frauen eine Reihe von Dingen für sich selbst einfordern und nicht immer kompromissbereit und sanft sein müssen. Die britische Feministin Julie Bindel meint hingegen, dass Klassenstereotype ausgelebt werden, wenn man Frauen als „Karen kategorisiert“ – sie snd in der Vorstellung nämlich aus gediegenen Vororten und verfügen über kein Gefühl für „echt Probleme“.
arcdigital.media, bbc.com

Meine Babys waren mit bei zahlreichen Konferenzen, bei vielen Abendterminen und selbst im Ballett der Nussknacker.

Deutsche-Bahn-Vorständin Sigrid Nikutta darüber wie sie ihre Kinder in ihre Karriere integrierte.
wiwo.de

Foto: Stefanie Loos / re:publica from Germany – re:publica 19 – Day 2, CC BY-SA 2.0

CDU-Wirtschaftsrat wirft Heil „übermotivierte genderpolitische Versuche“ vor: Arbeitsminister Hubertus Heil möchte für Sozialwahlen eine Quote von 40 Prozent einführen. Der Wirtschaftsrat der CDU kritisiert diesen Vorschlag scharf. Astrid Hamker, Präsidentin des Wirtschaftsrates, meint, dass es nicht genug Frauen gäbe, die die Interessen der Industrie vertreten könnten und daher solle man die Quote nicht brachial einführen. Bei den Sozialwahlen werden Verwaltungsräte der gesetzlichen Krankenkassen sowie die Vertreterversammlungen der gesetzlichen Unfall- und Rentenversicherungen gewählt.
finanznachrichten.de