KW 33: Kamala Harris, Belarus, Sexismus in Agenturen

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

in Gesprächen über die Chancengleichheit von Frauen im Beruf hört man oft das Argument, dass sich ja mittlerweile viel geändert hätte und Frauen nichts mehr im Wege steht. Es stimmt auch – vieles hat sich in Deutschland wirklich geändert. Und natürlich: es liegt nicht immer am Geschlecht, wenn Frauen nicht vorankommen – Inkompetenz gibt es überall. Was aber auch stimmt: Bis in die tiefen 90-er galt ein traditionelles Frauenbild in Westdeutschland. Frauen arbeiteten maximal in Teilzeit, waren schlechter ausgebildet, sie sollten dem Mann den „Rücken freihalten“. Heutige Entscheidungsträger in ihren 50-ern und 60-ern sind mit genau diesem Bild aufgewachsen – es hinterließ eine Prägung bei ihnen. Auch Frauen dieser Alterskohorten sind oft auf eine Art aufgewachsen, die sie nicht mit den notwendigen Fähigkeiten ausgestattet hat, um auf dem Berufsmarkt zu überleben. Ich bin der Auffassung, dass man sich kaum oder nur mit sehr viel Mühe von solch langen Prägungen befreien kann. Wäre es so leicht, könnte man manch ein Pay Gap eher überwinden. Doch der Umstand, dass selbst in frauendominierten Branchen wie dem Kultur- oder Stiftungswesen noch immer klare Unterschiede in Vergütung und Führung bestehen, deutet darauf hin, dass manche Prägungen außerordentlich langlebig sind.

Ihre Alice Greschkow

Kamala Harris ist Joe Bidens „Running Mate“

Es ist eine historische Wahl: zum ersten Mal ist eine Frau mit schwarzen und südasiatischen Wurzeln Anwärterin für den Posten der Vize-Präsidentin der USA. Der demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden hat am Dienstag verkündet, dass er mit Harris in den Endspurt des Wahlkampf gehen wolle. Biden hatte bereits zuvor verkündet, dass er eine Frau als Running Mate wählen wolle. Infolge der Black-Lives-Matter-Bewegung gingen Experten davon aus, dass es sich um eine Person of Color handeln würde. Zuletzt wurden Susan Rice bessere Erfolgschancen ausgerechnet – auch weil Harris Biden in einem Fernsehduell als Unterstützer der Segregation dargestellt hatte. Der ehemalige Präsident Barack Obama kommentierte, dass Harris die perfekte Partnerin für Biden sei. Sie gilt als durchsetzungsstarke Kämpferin.
tagesschau.de, zdf.de

Foto: US Senat, Public Domain

Politikerinnen profitieren von konsequentem Krisenmanagement: Bereits vor Monaten wurde darüber diskutiert, ob weibliche Staatschefinnen einen besseren Job bei der Eindämmung der Corona-Pandemie machen. Angela Merkel, Dänemarks Mette Frederiksen, Neuseelands Jacinda Ardern oder Finnlands Sanna Marin gelten als Aushängeschilder der weiblichen Krisenführung. Dies spiegelt sich auch in den Umfrageergebnissen wider – die Sozialdemokraten unter Ardern stehen gerade bei 61 Prozent, bei ihrer Wahl lagen sie bei 37 Prozent. In Dänemark erhöhten sich die Beliebtheitswerte der Sozialdemokraten um sieben Prozent auf 34 Zähler. Diese Tendenz ist auch in Ländern mit männlicher Führung zu beobachten, wenn sie einen umsichtigen und vorsichtigen Ansatz gewählt hat, jedoch nicht im selben Ausmaß. Polternde Gebaren in der Pandemie wie von Brasiliens Jair Bolsonaro oder US-Präsident Donald Trump werden von den Wählern abgestraft.
stern.de

Oppositionskandidatin Tichanowskaja aus Belarus ausgereist: In der Nacht zum Dienstag ist die belarussische Oppositionskandidatin Swetlana Tichanowskaja überraschend nach Litauen ausgereist. Nachdem am Wochenende Langzeit-Präsident Alexander Lukaschenko die Wahl mit rund 80 Prozent gewonnen hat, brachen Unruhen im Land aus. Tichanowskaja habe am Montag Beschwerde bei der Wahlkommission eingelegt. Es gibt Zweifel am Wahlergebnis. In einem Video erklärte die Kandidatin, die zuvor keine politische Erfahrung hatte, dass sie wegen ihrer minderjährigen Kinder ausgereist sei. Diese hatte sie zuvor ins Ausland bringen lassen. Sie war angetreten, nachdem ihr Mann – ein regierungskritischer YouTuber – verhaftet wurde. Beobachter zeigen sich überrascht von dem Schritt Tichanowskajas, da sie angekündigt habe, im Land zu bleiben und weiterzukämpfen. Sie forderte in ihrem Video die Menschen auf, sich nicht gegen die Polizei zu stellen, die Gesetze zu befolgen und die eigene Gesundheit beim Protest gegen Lukaschenko nicht zu gefährden.
sueddeutsche.de, tagesschau.de

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Scholz & Friends will mit Sexismus aufräumen: Nachdem in der vergangenen Woche Sexismus-Vorwürfe gegen die Werbe- und PR-Agentur Scholz & Friends öffentlich wurden, verspricht das Unternehmen Besserung. Unter anderem ging es um eine Weihnachtsfeier, bei der männliche Mitarbeiter ihre Genitalien präsentiert hätten. Frauen sollen auch über herablassende Äußerungen berichtet haben. Agenturchef Frank-Michael Schmidt kündigte bereits an, Sanktionen in einigen Fällen verhängt zu haben. Das Unternehmen wolle die offenen Vorwürfe aufklären. Gleichzeitig soll die Rolle von Frauen bei Scholz & Friends gestärkt werden – Catherine Gaudry und Christiane Stöhr steigen ins Partnerboard auf.
horizont.net

In der Kulturwirtschaft herrscht Geschlechterungerechtigkeit: In der Kulturwirtschaft und der Bildung herrscht laut Deutschem Kulturrat weiterhin ein Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern. Obwohl viele Frauen in der Kulturwirtschaft tätig sind, beträgt das Gender Pay Gap 20 Prozent – Tendenz steigend. Zudem kritisiert der Rat, dass bereits in der Schule Geschlechterstereotype gelernt werden, beispielsweise werden Männer häufiger in Führungspositionen gezeigt als Frauen.
tagesspiegel.de

Wissenschaft: Gleichstellung ist gut, aber… zeit.de
In South Africa, female ministers have a message: It’s time for equality csmonitor.com
Frauen, seid lauter! fr.de
Erinnerung an die „Mutter des Grundgesetzes“ westfalen-blatt.de
Women in Tech: „Wir müssen die Umgebung für Frauen insgesamt weniger bedrohlich gestalten.“ entwickler.de
Ulrike Beisiegel: „Die waren eben Buddys“ zeit.de
Women in Science May Suffer Lasting Career Damage from COVID-19 scientificamerican.com
‘We’re in one of the cataclysmic times of change’: first female NSF director on discrimination and COVID-19 nature.com
Oppositionelle Kalesnikaw: „Wir Belarussen haben das Recht auf friedlichen Protest“ spiegel.de

Phumzile Mlambo-Ngcuka ist eine südafrikanische Politikerin und Executive Director von UN Women. In den Vereinten Nationen ist sie Unter-Generalsekretärin. Sie studierte an der National University of Lesotho, dem University College London und der Universität Kapstadt. Seit 1994 war sie im südafrikanischen Parlament und fungierte unter Nelson Mandela als stellvertretende Handelsministerin. Zwischen 2005 und 2008 war sie Vizepräsidentin Südafrikas. Seit 2013 ist sie bei der UN.

Foto: DFID – UK Department for International Development – https://www.flickr.com/photos/dfid/14716441582/, CC BY 2.0

Die digitale Sichtbarkeit von Frauen liegt bei
46 Prozent

in der österreichischen Industrie.
kurier.at

Gleichberechtigung bereits in der Schule lehren: Autorin Miriam Wohlfarth kritisiert, dass der Anteil von Frauen in der Gründerszene, aber auch in Vorständen noch zu gering sei. Sie sieht das Bildungssystem als Schlüsselelement, um diesen Umstand zu verändern und hat einige Vorschläge entwickelt. Zum einen fordert sie, dass „Gender Equality“ als Schulfach eingeführt werden müsse, um Jungen und Mädchen für Vorurteile zu sensibilisieren. Als weitere Maßnahme sieht sie eine Diversitätsquote für Lehrkräfte, die sowohl Menschen aus unterschiedlichen kulturellen Räumen und mit diversen sexuellen Identitäten fördern würde, aber auch Männer. Die Präsent unterschiedlicher Gruppen sensibilisiere für die Vielfalt in der Gesellschaft. Als letzten Punkt schlägt Wohlfarth die Förderung von Role Models vor – Mädchen können an ihnen sehen, dass mehr möglich ist, als traditionelle Bilder es ihnen vorgeben.
wiwo.de

Kind und Karriere – der Muttermythos hält sich hartnäckig: Professorin Margrit Stamm erklärt, wie stark der Druck auf Müttern heutzutage lastet. Familienbilder haben sich in Deutschlands Familien bisher nicht stark gewandelt – in der Breite herrsche das Bild, dass Frauen – ob berufstätig oder nicht – die Mehrheit der Aufgaben bei der Kindererziehung und im Haushalt übernehmen müssen. Gleichzeitig bestehe unter Frauen ein massiver Druck, der über soziale Medien stark befeuert wird. Der Konkurrenzkampf würde über die Kinder ausgelebt werden – diese nehmen zunehmend die Rolle eines Aushängeschildes für die Leistung der Mütter ein. Stamm fordert, dass Frauen sich selbst und anderen Fehler zugestehen – der mentale Druck des Perfektionismus sei auf Dauer destruktiv.
rnd.de

Lise Meitner: An der Entdeckung der Kernspaltung beteiligt – und fast vergessen: Die Entdeckung Erklärung der Kernspaltung wird in der Regel auf Physiker Otto Hahn zurückgeführt. Dass die österreichische Forscherin Lise Meitner an der bahnbrechenden Entdeckung beteiligt war, wird oft vergessen. Dies lag zu großen Teilen daran, dass sie Jüdin war und während der NS-Zeit aus dem schwedischen Exil an Experimenten von Hahn mitwirkte. Bei der Verleihung des Nobelpreises für die Entdeckung der Kernspaltung erwähnte Hahn sie nur am Rand, auf der Urkunde wurde sie nicht aufgeführt. Meitner wurde 48 Mal für den Nobelpreis vorgeschlagen – gewonnen hat sie nie. Lange beschäftigte sie sich nicht mit Frauenrechten in der Wissenschaft, erklärte sie in einem Radiovortrag 1953. Erst spät habe sie realisiert, dass ihr Lebensweg und Forschung erst möglich gewesen sei, weil Frauenrechtlerinnen zuvor für das Recht der Hochschulbildung für Frauen gekämpft haben. Selbst das Abitur war zu Meitners Zeit noch unüblich.
fr.de

Wenn ich ein Vorbild sein kann, ist das für mich sehr positiv. Wenn ICH das Erreichen kann, können andere Frauen das auch schaffen. Wir brauchen starke Vorbilder für die nächste Generation.“

Ex-Rennfahrerin und Venturi-Teamchefin Susie Wolff über ihre Erfahrungen als Frau in einer Männerdomäne.
autobild.de

Foto: Stefan Brending, Lizenz: Creative Commons by-sa-3.0 de, CC BY-SA 3.0 de

In eigener Sache: Kürzlich hatte ich die Gelegenheit mit Christoph Burseg von Vodafone Business beim Podcast „Digitale Vorreiter“ zu diskutieren. Wir haben über Hustle Culture, Homeoffice und den Wandel der Arbeitswelt gesprochen. Hören Sie gern rein: digitalevorreiter.podigee.io